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17. Tag, Hámri - jórsárver

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Copyright © Dieter Graser

Sonntag, 01. August 1999


Der erste Kontrollblick nach draußen sieht wenig versprechend aus. Die Wolkendecke liegt auf, keine Peilpunkte sind sichtbar und es nieselt leicht. Erst mal gefrühstückt und dann noch mal ein Wetercheck. Kein Wind - keine Wetteränderung. Also wieder den Schlafsack zugezogen und bis 10:00 Uhr weitergeschlafen. Vom Wetter weiterhin nichts neues. Vergnügliche Lektüre in "Sofies Welt". Gegen 13:00 Uhr sieht es dann besser aus. Ich packe zusammen und komme eine Stunde später los.

Erst mal weiter auf der neuen Piste, denn sie führt zur einzigen Brücke über den neuen Kanal, der das durch den Damm aufgestaute jórsáwasser in den nächten Stausee leitet. Nun, der Damm selbst liegt doch ein gutes Stück weiter südlich als nach den Koordinaten die ich von Einar bekommen habe. Der breite Damm auf dem sich ein unverschlossenes Gatter befindet, besteht aus großen Basaltblöcken. Unterhalb des Dammes befindet sich kein Wasser mehr in der jórsá. Beim Queren des Dammes kommt die Sonne heraus. Am Ostufer der jórsá angekommen folge ich einer Fahrspur und den Hufspuren von etwa 20 Pferden die genau Richtung Arnarfell führen. Den Wegpunkt "Va" (= Furt) lasse ich nordwestlich liegen und folge ihnen. Über zwei Höhenrücken hinweg und ich habe den Blick auf den vor mir liegenden, nördlichen Teil der Ebene jórsáver. Die jórsáver ist im Gegesatz zu dem wüstenhaften Sprengisandur mit seinen vegetationslosen, grauen Steinpflastern fast üppig grün. Überall austretendes Grundwasser sorgt dafür, daß sich dichte Moos- und an etwas trockeneren Stellen auch Heidepolster entwickeln können. Am überraschendsten sind jedoch so großen Mengen an gelb blühenden Blumen, die an manchen Stellen so dicht stehen, daß Gelb zur vorherrschenden Farbe wird.

vergrößern Damm über die jórsá

Eine erste Furt mit seichtem, klarem Wasser bildet kein Hindernis. Die nächste Furt, ein Stück weiter ist schon in Sicht, also lohnt es sich nicht die Bergschuhe wieder anzuziehen. Die Fahrspur ist schon an der ersten Furt nach Süden abgebogen und so folge ich den Pferdespuren. Nun wird es allerdings ernst, denn der Hauptfluß führt jetzt um 16:00 Uhr mächtig viel Wasser und ist noch dazu verflixt breit. Erst muß ich eine ganze Zeit lang nach einer Stelle suchen an der ich es versuchen kann. Das Wasser ist trübe und die Strömung stark. Das erste Drittel schaffe ich ganz gut, aber jetzt im Stromstrich reicht mir das Wasser bis zum Schritt und die Hosen sind nun eh schon naß, als sich mein rechter Trekkingstock zusammenschiebt. Sch.... - warum habe ich ihn nicht fester zugedreht! Also sofort vorsichtig zurück ans Ufer. Sogar die Phototasche ist von unten her naß geworden und die hing ziemlich hoch vor dem Bauch. Hier hat es keinen Sinn. Ich muß weiter flußauf, es in der Nähe der Moräne versuchen und mir die Zuflüsse einzeln vorknöpfen. Die ersten zwei kleineren sind dann unproblematisch und der erste größere klappt auch ganz gut, aber der Hauptfluß führt ganz eindeutig Hochwasser. Eine Folge der ungewöhnlich warmen Witterung der letzten Tage oder nur der normale Schmelzwassertagesgang? Obwohl es heute bedeckt war, war es nicht kühl - sogar eher warm und ich hatte die Jacke nicht gebraucht. Während ich den Fluß beobachte bricht ein Teil der unterspülten Uferböschung ab und fällt in das aufgewühlte Wasser. Aktive Erosion der Uferböschung dürfte wohl ein ziemlich eindeutiges Indiz für einen Wasserstand sein der über die täglichen Schwankungen hinausgegangen ist. Das ist mir Zeichen genug. Nun gut, morgen Früh werde ich weiter sehen.

Beim Bestimmen der Position muß ich feststellen, daß ich mich genau am Wegpunkt "Va" befinde. Auf meiner Suche nach einer gangbaren Furt bin ich also ein gutes Stück nach Nordwesten hinaufgewandert. Ich suche die nähere Umgebung ab und finde auch schwache Abdrücke von Geländereifen. Ich habe also nicht nur Einars GPS Koordinaten, sondern bin auch auf seinen Spuren. Etwas weiter nördlich des Flußes stehen zwei einsame Fluchtstangen, die ein Vermesungstrupp dort zurückgelassen hat. Die haben lieber auf die Stangen verzichtet, als noch mal durch den Fluß zu fahren.

Direkt vor der Randmoräne baue ich mein Zelt auf einem moosigen, aber etwas unebenen Plätzchen auf. Einziges Problem: ich bin, wie es sich herausstellt auf einer Insel zwischen zwei Armen des selben Gletscherbaches und habe kein klares Wasser. So filtere ich mir wenigstens das Kochwasser und in der Thermos habe ich sowieso noch heißen Tee. In der dicken Soße des "Ungarntopf mit Nudeln" fällt der Schwebstoffanteil am wenigsten auf - Na dann Mahlzeit! Abends bewölkt aber gute Sicht und gegen 19:00 Uhr ein paar Tropfen. Sollte der Wasserstand bis morgen Früh nicht deutlich gefallen sein, muß ich meine weiteren Pläne ernsthaft überdenken. In diesem Fall zurück über den Damm und dann entweder wieder nach Nidalur oder nach Süden nach Versalir. Für beide Strecken brauche ich etwa anderthalb Tage. Der nächste Hochlandbus Richtung Norden fährt erst am Mittwoch.


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18. Tag jórsárver - Hámri