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19. Tag Hámżri - Nżidalur

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Copyright © Dieter Graser

Dienstag, 03. August 1999


Morgens mäßiger Nordwestwind. Tiefe Wolken. Vom Hofsjökull und vom Arnarfell sind gerade noch die untersten 100 Höhenmeter zu sehen, aber die sind sonnenbeschienen. Einen ähnlichen Effekt konnte ich am von Jökulheimar aus am Vatnajökull beobachten. Frühstücke langsam und packe dann zusammen.

Aufbruch um 8:40 Uhr. Welchen Weg soll ich nehmen? Die direkte Route wie am Hinweg, oder auf der neuen Piste mit dem Umweg nach Norden, oder doch wieder den alten Weg wie vor 4 Jahren? An der Abzweigung angekomen entscheide ich mich für den alten Weg. Kurze Pause am Vermessungspunkt. Dann weiter bis zum Wegpunkt "Mitte". Bin irgendwie nicht gut drauf heute. Die Schultern sind verkrampft und der Rucksack drückt und zwickt. Der Tungnafell, der genau voraus liegt, sollte eigentlich einen guten Peilpunkt abgeben, aber er ist vollkommen von den niederen Wolken eingehüllt, so daß ich seine Lage nicht erkennen kann. Einzig eine kleine, ortsfeste Wolkenlücke markiert offensichtlich das Lee des Berges, der daher nördlich des sonnigen Flecks liegen müßte. GPS und Kompass bestätigen meine Vermutung. Auf dem steinigen Wüstenboden ist der Weg oft schlecht zu erkennen. In den sandigen Abschnitten findet sich eine einzelne, frische Fahrspur. Die älteren Spuren sind fast vollkommen verwischt.

vergrößern Wegpunkt "Mitte"

Im Laufe des Vormittags heben sich langsam die Wolken, beginnen löchrig zu werden und die Sonne kommt heraus. Ausgiebige Rast am Wegpunkt "Mitte". Ich sitze auf dem selben Stein wie vor 4 Jahren! Wiederhole das Photo das ich damals gemacht habe und amüsiere mich damit, noch eine kleinen Photoserie in Szene zu setzen. Nach der Pause geht es mir schon besser. Diese Tagesetappe hin und zurück durch die Wüste ist zwar eindrucksvoll, aber nicht besonders abwechslungsreich. Heute fehlt mir dazu die Einstellung. Seltsamerweise habe ich am letzten Tag einer Tour immer solche Probleme und heute ist definitiv so ein letzter Tag. Daß ich die Strecke kenne, macht es vielleicht etwas leichter. Wieder der selbe lange, stetige Anstieg. Wie auf einer riesigen, flachen Treppe. Wieder die Abkürzung gerade eine kurze Stufe hinunter, welche die Fahrspur südlich umfährt. Das ausgetrocknete Flußbett mit den metergroßen Basaltblöcken und dann endlich erreiche ich die Sprengisandurpiste. Noch 5 km bis Nżidalur. Doch die Piste steigt an und zieht sich und zieht sich und will auch diesmal kein Ende nehmen. Die 5 km sind eben Luftlinie und die Piste macht noch einen weiten Bogen nach Osten. An seinem Scheitelpunkt ist eine Furt durch einen schönen klaren Bach. Ich weiß, etwa 100 m unterhalb kann von Stein zu Stein balancieren und den breiten Bach trockenen Fußes queren. Dann liegt rechter Hand das Flugfeld und ich sehe meine eigene, inzwischen 5 Tage alte Fußspur, die hier auf die Piste stößt und wieder "Sailing" pfeifend gehe ich den letzten Kilometer hinunter zur Hütte.

"Hi, you again?" Das junge Wärterpaar empfängt mich vor der Hütte und ich muß ihnen kurz erzählen, wie es mir ergangen ist. Richte mich dann wieder auf dem Zeltplatz ein auf dem noch ein einzelnes Hilleberg Nallo-Zelt steht. Mein Bus fährt erst in 24 Stunden. Dann mache ich zu einem ausgiebigeren Besuch in der Hütte auf. Marinó erzählt mir, daß auf dem Zeltplatz ein deutsches Mädchen ist, die die Báršargata nach Jökulheimar gehen will. Sie hat in der Hütte nach Informationen gefragt, aber Marinó ist den Weg auch noch nicht gegangen und konnte keine deshalb kaum Auskunft geben. Er hat bedauert, daß ich schon weg war. Ich soll ihr doch ein paar Tips geben. Ach ja, das einzelne Hilleberg Zelt, hab mich schon gefragt, wem das wohl gehören mag und bin nicht wenig neugierig. Als ich sie wenig später anspreche und frage, wie sie eigentlich auf die Idee die Báršargata zu gehen gekommen ist, zeigt sie mir das selbe Faltblatt, das in Hrauneyrar auslag und auf dem in einer Karte des Sprengisandur die Báršargata als "Wanderweg" eingezeichnet ist. Auch ich bin durch dieses Faltblatt auf diesen Weg hingewiesen worden, aber es schien mir von Anfang an ziemlich fahrlässig das so unkommentiert zu veröffentlichen. Die Báršargata ist definitiv kein (!) Wanderweg sondern eine "mögliche Route", die vielleicht seltener begangen wird als die Eigernordwand. Beruhigt stelle ich fest, daß das Mädchen gut ausgerüstet ist, Trekkingerfahrung in Island und Skandinavien hat und sich vorher auch die richtigen Karten besorgt hat. In diese Karten zeichne ich ihr den Weg ein und gebe ihr Tips für die Furten. Dann müßte sie auch auf die Spuren der Wandergruppe des FÍ stoßen, was die Wegsuche erleichtern sollte. Das Problem wird allerdings die Wasserführung der Flüße sein und ich verhehle nicht meine Sorgen. Sie verspricht mir umzukehren, wenn es schon an der ersten Furt am Kaldakvísl bei Svarthöfši Schwierigkeiten geben sollte. Ich versorge sie noch mit Cranberry Müsliriegeln und Mineralbonbons und gebe ihr noch meinen Tourenplan für die Strecke mit. Obwohl es gegen 17:00 Uhr ist möchte sie jetzt aufbrechen. Sie geht gerne "nachts", sagt sie. Warum auch nicht, es bleibt ja fast durchgehend hell. Ich mache noch ein paar Photos von ihrem Aufbruch. Der Rucksack ist zwar nicht ganz so schwer wie er aussieht aber im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht, trägt sie wahrscheinlich mehr als ich - Respekt! Sie will sich auch schon von der Hütte an den Veišivötn aus in Nżidalur zurückmelden und nicht erst von Hrauneyrar aus. Also viel Glück!

vergrößern Anke

Am Abend schaut Marinó vorbei und frägt mich ob ich "Meatballs" essen wolle - kann ich da neine sagen? Ich gehe noch schnell zum Zelt und hole mir was aus meinen Vorräten als kleines Dankeschön. In der Hütte gibt es dann Lammklopse mit Rotkraut, Mais und einer süßen Soße. Naja, gewagte Zusammenstellung, aber immerhin eine Abwechslung auf meinem Speisezettel. Ich hinterlasse dafür eine Ritter Sport und das Stück Südtiroler Speck das ich nun nicht mehr brauche. Um 20:00 Uhr ist es dann mit der Ruhe auf dem Zeltplatz erst mal vorbei. Der abendliche Wikingerüberfall - der Schrecken des Abendlandes - bleibt mir auch heute nicht erspart. 4 bis 5 Familien parken ihre Jeeps, die Zelte werden aufgebaut und der Grill wird angeworfen. Das lustige Lagerleben beginnt. Zu meinem Glück haben die Erwachsenen die Golfschläger und die Kinder den Fußball vergessen, also bestätigen sich meine schlimmen Befürchtungen nun doch nicht. Noch bis 22:00 Uhr gelesen.


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