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12. Tag; Öxl - Nıidalur

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Copyright © Dieter Graser

Montag, 25. Juli 1994


Gegen "Mitternacht" kurz raus, 4/8 Cumulus. Über dem Hofsjökull rosa und blaue Föhnfische. Ich bin hier an der Wetterscheide zwischen Nord, Süd, Ost und West. Welches Wetter hätten wir denn gerne? Egal, es wird schon das passende mit dabei sein - vor allem in seiner Leeversion. Um 2 Uhr pfeift der Wind mächtig ums Zelt, aber es steht wie eine Eins und nichts knattert. Es ist deutlich kälter geworden, aber im Schlafsack ist es warm und gemütlich.

Hagajöklar
Es ist 5 Uhr. Ich habe eine etwas unruhige Nacht verbracht. Es wollte mir nicht gelingen meine Anatomie den Unebenheiten des Bodens anzupassen, obwohl die Isomatte schon einiges ausgleicht. 7 Uhr Aufbruch. Der Himmel ist bedeckt und es ist kalt, aber kein Niederschlag und nur schwacher Wind. Steige dem Bach folgend zur Piste ab und quere dabei "meinen Bach" an einer Engstelle über ein paar Felsblöcke. Unten an der Piste hätte ich furten müssen. Bis Nıidalur sind es nur etwa 10 Kilometer und zwei Furten. Ich bin bester Laune, die Piste geht ab jetzt leicht bergab und sogar die Sonne kommt schließlich heraus. Drüben zieht von Süd nach Nord ein Regenschauer über den Hofjökull . Von der Höhe habe ich einen guten Überblick über den Sprengisandur. Kurz nach 9 Uhr erreiche ich bei Tómasarhagi die Sprengisandurpiste. "Askja 110 km - Nıidalur 5 km" steht auf dem Schild. Zum Eyjafjörğur geht es nach Norden, aber ich muß erst zur Hütte von Nıidalur, wo inzwischen hoffentlich meine Vorräte eingetroffen sind. Direkt bei der Kreuzung erst eine breite und tiefe Furt durch die Hagakvíslar. Trübes, knietiefes Gletscherwasser mit starker Strömung kommt vom Tungnafellsjökull herab. Jetzt bin ich auf der Zielgeraden und fühle mich in Bestform. Es macht mir Spaß die Stöcke wie beim Langlaufen aktiv eingesetzt mal so richtig schnell zu gehen. Unmittelbar vor der Hütte dann die breite, in fünf Arme aufgeteilte, Furt der Jökulsá. Der letzte Arm ist zwar der tiefste, aber die Strömung ist nicht sehr stark. (Anmerkung: Der Fluß hat seinen Lauf verlegt, bzw. dieser ist verlegt worden. Die tiefste Stelle befindet sich sei einigen Jahren am nördlichen Rand des Howasserbettes).

Die nassen Sandalen ziehe ich auf der Bank vor der Hütte aus. An der Fahnenstange am Dachfirst der zweiten Hütte hißt gerade ein Mädchen die isländische Flagge. "Goğan morgun!" Es ist eine der Hüttenwartinnnen. Ich erkundige mich ob mein kleiner Rucksack mit den Vorräten angekommen sei. Aber sicher, ist er angekommen, ob ich den kleinen Begleitbrief auf isländisch selber geschrieben hätte? War es denn so furchtbar? Na ja, ich hab´s halt versucht und brauche auch nicht verraten wie lange ich dafür gebraucht habe. Die Mühe hat sich aber offenbar gelohnt.

Nıidalur
Es ist 10 Uhr, ich habe mein Tagwerk hinter mir und werde zumindest zwei Tage hier bleiben. Es ist ruhig in der Hütte, nur wenige Übernachtunggäste sind da. Auf der Zeltwiese, am Fluß unterhalb der Hütte, packen gerade ein paar Motorradfahrer zusammen als ich mein Zelt dort aufbaue. Ich richte es nach dem Wind aus, wohl wissend, daß er irgendwann drehen wird, aber wohin? Durch die Wassernähe gibt es hier Vegetation - und Mücken wie gehabt. Auffallend die Eiskeilnetze auf der Zeltwiese, die ich nur zwischen Tómasarhagi und Nıidalur beobachten konnte. Ich mache erstmal große Wäsche meiner selbst und meiner Klamotten. Zwei junge Biker sprechen mich wegen der Route zur Askja an. Sie wollen mit dem Mountainbike hinüberfahren. Zumindest einer scheint mir ziemlich ehrgeizig zu sein. Ich versuche ihnen die Strecke zu beschreiben, wo sie Wasser finden, und wo keines und daß sie eventuell mehr schieben werden müssen als ihnen lieb sein wird. Ich rate ihnen nicht gerade ab, aber mahne doch zur Vorsicht. Ich habe noch durch meine neuen Vorräte mehr Müsliriegel als ich selber brauche und schenke ihnen einen guten Schwung.

Küche in Nıidalur
Im Zelt koche ich mir ein ausgiebiges Mittagessen und halte dann eine eineinhalbstündige Siesta. Zum wieder wach werden gibt es Kaffee in der Hütte. Der reißt einen zwar nicht vom Hocker, aber ich habe in Island schon schlechteren getrunken. Ein Hochlandbus trifft ein. Die Fahrgäste stürmen aus dem Bus in die Hütte und Fahrer und Reisebegleiter schleppen die Kartons mit den Lunchpaketen hinterher. in paar Mutige stehen in ihren neuen Islandpullovern mit unter die Achseln geschobenen Händen, frierend vor der Hütte und rauchen ihre Zigaretten. Unvergeßliches Abenteuer im wilden Hochland! Ich räume meinen Platz und schreibe auf er Bank vor der Hütte je eine Karte an Annie und an Lena. Die Karten gebe ich zwei Mädchen mit, die mit dem Bus weiterfahren. Ach ja, dem Busfahrer kaufe ich noch zwei Flaschen Egils Leichtbier ab, stärkeren Stoff würde ich eh nicht vertragen. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen an der Hütte. Auch am Zeltplatz unten bin ich jetzt nicht mehr alleine. Ein umgebauter Unimog mit einer Gruppe von Franzosen ist eingetroffen. Sie bauen ein großes Küchenzelt und die üblichen isländischen Firstzelte um mich herum auf. Ich fürchte etwas um meine Nachtruhe und sollte Recht behalten, allerdings in einem etwas anderen Sinne als gedacht. Es beginnt zu regnen, aber die Wäsche ist schon trocken und kann verstaut werden.

In einer Regenpause gehe ich zur Hütte um meine Übernachtungen zu bezahlen. Ich werde von den zwei Hüttenwartinnen zum Kaffe eingeladen. Der Reiseleiter und der Fahrer der Franzosen sind auch da. Die eine Hüttenwartin ist Geographiestudentin und hat letzten Winter in München gelebt. Es wurde noch ein richtig gemütlicher Kaffeeplausch. Inzwischen hat sie auch die Telephonnummer von der Hütte in Dreki herausgefunden und dort meine Ankunft mitgeteilt. Bekomme von ihnen noch einen Apfel geschenkt. Hmm, ich weiß das zu schätzen! Ziehe mich mit meiner Beute zum Kochen ins Zelt zurück. Habe gerade das Wasser aufgesetzt, als mich von draußen jemand schüchtern fragt, ob ich zu Hause sei. Ich strecke den Kopf heraus, ja ich bin zu Hause. Die Franzosen haben beschlossen mich einzuladen, ihnen doch in ihrem Küchenzelt zu einem Abendessen die Ehre zu geben. Oh, da kann ich aber nicht ablehnen. Ich bedanke mich bei Madame und verspreche pünktliches Erscheinen sobald ich mein Krawatte gefunden habe - also sofort. Ich verschließe mein Zelt gut, denn inzwischen ist ein frischer Wind aufgekommen.

Im Küchenzelt sitzten schon alle in einer großen Runde. In der Mitte ein winziger Campingtisch, die Isländer haben einen Riesentopf auf dem Gaskocher und es duftet verführerisch. Whiskey oder Pernod zum Aperitiv? Pernod bitte, es besteht wirklich kein Zweifel wo und bei wem ich zu Gast bin. Die letzten Bedenken sind beseitigt, der neue Gast spricht Französisch, der eine Monsieur hat recht gehabt. Ich habe ihn schon am Nachmittag beim Wasserholen gesprochen. Es gibt noch einen zweiten Pernod und ich habe bald ihren Vorsprung aufgeholt. Als Entrée reicht man Krautsalat mit Fisch, sehr erfrischend und überraschend fein im Geschmack. Den Hauptgang bestreitet eine isländische Spezialität, Saltkjöt, geselchtes Lammfleisch in einer Gemüsesuppe aufgekocht! Die Suppe gibt es voraus, dann Fleisch und Gemüse. Wie erwartet ziehen einige Franzosen lieber einen zweiten oder dritten Teller Suppe dem Fleisch vor. Die Isländer grinsen, immerhin ist Saltkjöt ein noch recht zivilisiertes Gericht ihrer deftigen Küche. Der neben mir sitzende Reiseleiter hat in Paris studiert und kennt seine Kundschaft. Sie waren den selben Weg wie ich, von der Askja über die Gæsavötn, mit einem umgebauten Unimog herübergefahren. Die Stimmung ist hervorragend, jeder mit seinem Teller auf den Knien. Zum Nachtisch, Surmjölk (am ehesten mit Dickmilch zu vergleichen) mit einem Schuß Erdbeersoße, müssen wir etwas enger zusammenrücken weil die Luvseite der Zeltwand vom Wind zunehmend nach innen gedrückt wird. Zur Mirabelle, bei der nicht ganz klar wird, ob die 78 auf dem handschriftlichen Etikett, das Abfüllungsjahr oder den Alkoholgehalt bezeichnet, knattern die Zeltbahnen schon beachtlich. Etliche Blicke wandern besorgt den vibrierenden Mittelmast hinauf und das allgemeine Gesprächsthema wendet sich der Sturmfestigkeit von Zelten im allgemeinen und der von Küchenzelten im besonderen zu. Der Reiseleiter beginnt schon mal nebenbei Verhaltensmaßregeln für den Fall der Fälle zu geben, der selten zwar, aber doch immerhin ab und zu, eintreten kann. Ich habe zwischendurch mal die Gesellschaft verlassen und mein Zelt noch durch eine zusätzliche Abspannung über einen Skistock gesichert. Der Sturm kommt aus Nordost und ist genau auf meinen Zelteingang gerichtet. Danach noch beim Abspülen geholfen. Interessante Gespräche - schön, zwischendurch in Gesellschaft zu sein.

Gegen 24 Uhr ist es Zeit für den Schlafsack. Die Zelte machen einen Höllenspektakel, auch meines arbeitet wild und ich darf gar nicht an das filigrane Gestänge denken. Kein Schlaf möglich. Irgendwann beginne ich im Liegen alle losen Ausrüstungsteile in den Rucksack zu packen - sicher ist sicher. Draußen im Lärm des Sturmes kurze Rufe und Stimmen. Die Franzosen legen das Küchenzelt flach bevor es der Sturm für sie erledigt. Schließlich schlafe ich doch ein und höre überhaupt nichts mehr.