9. Tag, Grjótá - Hvítárnes

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Dieter Graser © 2010

Freitag, 24. August 2007


In der Nacht weiter Regen, aber deutlich nachlassender Wind. Auch als der Wecker piepst prasselt Regen auf das Zelt. Dann eine kurze Pause und wieder ein neuer Schauer. Döse noch eine knappe Stunde und stelle fest, daß es während dieser Zeit gar nicht mehr geregnet hat. Also los - raus aus den Federn! Heute steht mir die 24-Kilometer-Etappe über den Bláfellsháls nach Hvítárnes bevor.

Heute werde ich nur auf Pisten unterwegs sein. Für viele Island-Wanderer ist es eine grausame Vorstellung auf einer Piste, noch dazu auf dem Kjalvegur, zu Fuß unterwegs zu sein. Dabei habe ich festgestellt, je geringer deren Erfahrung, um so entschiedener lehnen sie die Benutzung von Pisten ab. Vielleicht hat das mit einer etwas zu romantischen Erwartung von Einsamkeit zu tun, die man hofft im Hochland vorzufinden. So ein Pistentag macht mir nichts aus. Ich kenne die Einsamkeit und weiß wo sie zu finden ist. Eben heute mal nicht! Und ich freue mich schon auf die Begegnungen, die mir dieser Tag bringen wird. Dennoch, das Gehen auf Pisten weniger abwechslungsreich, manchmal sogar monoton, aber dafür einfacher und erlaubt einem größere Strecken zurückzulegen als auf einem Wanderweg oder gar in weglosem Gelände.

Bláfellsháls
Um 9:00 Uhr bin ich also auf der Piste und gleich beginnt der steilere Teil des Aufstieges auf den Bláfellsháls. Erinnerungen an meine erste Hochlandtour vor 15 und an die Skitour vor 10 Jahren werden wach. Jede Wegbiegung hat ihre Geschichte oder eine an diesen Ort gebundene Empfindung. Alles taucht wieder auf, sobald ich hier wieder zu Fuß unterwegs bin. Déjá-vu - aber auf eine ganz eigene Art. Ein Schauer zwingt mich in den Anorak und den Rucksack unter die Regenhülle. Endlich kann ich auch das Mückennetz abnehmen, denn meine kleinen grauen Freunde sind im Tal zurückgebleiben. Fühle mich stark und steige zügig. Begengung mit ersten Fahrzeugen. Ein Paar aus Frankreich hält an und wir plaudern über das übliche "Woher-Wohin". Dann weiter zu Paßhöhe hinauf. Erste Pause am "großen Steinhaufen". Habe mich gerade niedergestezt und trinke etwas heißen Tee als ein Bus mit holländischen Touristen anhält und mich umzingelt. Jemand erzählt mir, daß der Busfahrer in den Nachrichten gehört hat, daß zwei Deutsche am Vatnajökull vermißt werden. Bin beunruhigt und nachdenklich.

Bláfell
Der Blick nach Norden zeigt, daß der Bláfell wieder mal seiner Rolle als Wetterscheide gerecht wird. Hatte ich auf seiner Südseite noch Stauwolken so beginnen sich diese auf seiner Nordseite aufzulösen. Im zentralen Kjölur-Hochland ist das Wetter schon viel freundlicher und jetzt bekommen ich auch hier zum ersten Mal wieder Sonne. Meine Laune steigt beträchtlich als ich den flachen Abstieg antrete.

Video
Ein Auto überholt mich und hält wenige hundert Meter weiter an. Zwei Leute springen heraus, ein Stativ wird mitten in auf der Piste aufgestellt und ich werde von einer großen Videokamera ins Visir genommen. Ok - dann spiel ich halt mit. Pflichtschuldigst das Nordwandgesicht aufgesetzt und keine Faxen gemacht! Bei den Beiden angekommen stellt es sich heraus, daß sie aus München sind und eine Videoproduktion (Ton Art Media, Reisefilm) machen. Spontan entscheiden sie, daß sie ein Interview mit mir machen wollen. Also schnell einen etwas windgeschützteren Platz suchen und hoffen, daß die Sonne bleibt. Schließlich wird noch der Abschied und meine Abmarsch gefilmt. Diese Begenung war eine lustige Abwechslung und hat viel Spaß gemacht.

Hvítá
Später überholt mich ein ziemlich durchnäßter Radfahrer aus Österreich. Auch hier eine kurze Unterhaltung und ich empfehle ihm Hvítárnes als Übernachtungsort. Obschon sich das Wetter deutlich gebessert hat schickt mir der Bláfell mehr als einen kräftigen Schauer nach. Bin um 14:00 Uhr an der Brücke über die Hvítá. Am Pegelhaus lehnt einsam das Fahrrad der Österreichers. Er selbst scheint irgendwo unterwegs zu sein. Unter das Pegelhäuschen sind zwei Schlitten geschoben. Die Hinterlassenschaft einer nur halb geglückten Winterdurchquerung?

Regenbogen
Noch 11 km bis Hvítárnes! Aus Erfahrung weiß ich, daß sich dieser Abschnitt noch ordentlich ziehen wird. Wieder überholt mich der Österreicher. Da die Piste hier sehr sandig ist kommt er kaum schneller als ich voran. Nach kurzer Unterhaltung wird uns klar, daß wir vor ein paar Wochen E-Mails miteinander gewechselt haben. Als der Weg wieder etwas radfreundlicher wird fährt er dann voraus zur Hütte, die ich erst in gut 2 Stunden erreichen werde. An der Svartábrücke ein Angler der vergeblich versucht zwei kapitale, aber offensichtlich fressfaule, vielleicht aber nur kluge Forellen zum Anbeißen zu verleiten. Ich habe es ja gewußt, daß dieser Tag lang wird und so freue ich mich über die großen Findlingsblöcke, die man hier am Wegrand findet. Ich kann sie bequem als "Sitzsteine" mißbrauchen. Das sind für mich große Felsbrocken auf denen ich bequem absitzen kann und die hinter der Sitzfläche etwas erhöht oder schräg sind, sodaß der Rucksack ebenfalls gestützt wird und somit der Rücken volkommen entlastet wird, ohne daß man den Rucksack dafür abnehmen muß. Mit den Jahren habe ich einen scharfen Blick für solche "Sitzsteine" entwickelt. Schließlich folge ich dem GPS und schneide geradlinig den Verlauf der Piste ab, welche hier großzüging in einem Umweg zur Hütte führen würde. Um 16:30 Uhr komme ich in Hvítárnes an - aber nicht ohne auf dem letzten Kilometer noch einen kräftigen Duscher abbekommen zu haben.

Etwas oberhalb der Hütte arbeitet ein Mann an einem Wassertank. Aha - der Isländische Wanderverein FÍ tut etwas für die notorisch schlechte Wasserversorgung seiner ältesten Hütte. Markus, der Österreicher ist natürlich schon längst eingetroffen und gerade machen sich zwei Isländerinnen bereit zum Aufbruch Richtung Žverbrekknamúli. Ich muß zugeben, daß ich bedauere, auf die nette Gesellschaft verzichten zu müssen. Zudem verwundert es mich doch sehr, daß sie so spät noch zum nächsten Etappenziel auf dem alten Kjalvegur aufbrechen. Die Etappe nach Žverbrekknamúli ist mit 15 km nicht sehr lang, aber sie müssen sich beeilen um dort vor Einbruch der Dunkelheit anzukommen. Wie auch immer, ich gehe davon aus, daß Isländer wissen was sie tun. Bleibt nur "goša ferš" zu wünschen.

Markus hat im einzig beheizbaren Raum seine naßen Klamotten überall zum trocknen aufgehängt. Es hat ihn die letzten zwei Tage permantent eingenäßt. Auch Landkarte und sein Buch sind naß und wie es sich später herausstellt ist selbst sein Schlafsack nicht verschont geblieben.

Hvítárnes
Fünf Italiener, die offensichtlich mit dem Auto unterwegs sind, schauen herein, sind etwas verwirrt ob der Örtlichkeit oder unserer Anwesenheit, meinen sie hätten hier Übernachtungen gebucht und auch schon im Voraus bezahlt. Kein Problem, es ist Platz genug und wir werden ihnen den geheizten Raum überlassen. Sie beratschlagen wortreich und erklären schließlich, daß sie sich noch ein wenig umschauen wollen und später wieder zurückkommen würden. Ok - gut so. Markus rafft seine feuchten Habseligkeiten zusammen und wir ziehen uns in den anderen Hüttenraum um. Allein die Italiener tauchen nicht mehr auf. Was hatten die hier erwartet? Ein 5 Sterne Hotel? Ruhiger Abend bei Kerzenlicht.


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