5. Tag, Kaldidalur - TorfabŠli

Inhalt Home

Copyright © Dieter Graser

Montag, 4. August 1997


An der Geitá
Mäßig gut geschlafen, der Boden war wohl doch nicht so eben wie ich meinte. Immer noch Südwind. Prächtige Lentis stehen über den Bergen und zur morgendlichen Begrüßung scheint kurz mal die Sonne auf das Zelt und sorgt umgehend für ungewohnte Wärme. Na bitte - ein Tag von der anderen Sorte kündigt sich an. Vor dem Zelt Abbauen noch ein paar Bilder gemacht.

Lenti
Um 8:15 Aufbruch mit einem Startjodler. Die Straße geht so steil bergab, daß ich im Zickzack gehe um die Knie zu schonen. Die Geitá bleibt weiter rechter Hand in einer engen Schlucht und läßt durch eine in der Sonne leuchtende Gischtfontäne einen Wasserfall erahnen. Leider bekommt man ihn von der Straße aus nicht zu Gesicht. Die Lambá, die von links steil den Hang herunterkommt, hält was sie auf der Karte versprochen hat: schöne Plätzchen um zu Zelten. Allerdings ist auf der Karte noch der alte Straßenverlauf verzeichnet und so geht es erst weiter steil den Hang hinab und erst an der Mündung in die Geitá führt eine Brücke über die Lambá. Hier, am Beginn einer grünen Schlucht neben einem Wasserfall, wäre wohl der schönste Zeltplatz gewesen. Zwei Mountainbiker haben sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen und sitzen neben ihrem Zelt in der Sonne und Frühstücken. Man winkt sich zu. Überall am Hangfuß steht dichte Vegetation. Ich bin nur noch auf 200 m Höhe über dem Meer und die Sonne brennt vom föhnklaren Himmel. Hier unten geht nur wenig Wind aber die ausgeprägten Linsenwolken über dem Eiríksjökull zeigen an, daß es in der Höhe stürmt. Es wird warm und ich muß die leichtere Kniebundhose anziehen. Es geht flach und flott dahin. Allerdings führt mich die Straße erst mal in die falsche Richtung. Es geht 4 km nach Westen zur Brücke über die Geitá. Am Nachmittag darf ich diese Strecke auf der anderen Seite des Geitlandshraun wieder zurückmarschieren.

Geitá
Die Geitá, die mich zu dieser weiten Schleife zwingt, überrascht durch eine schöne Engstelle neben der Straße, wo sie sich eine nur wenige Meter breite Rinne in den Säulenbasalt geschliffen hat. Nördlich des Flusses das Lavafeld Geitlandhraun und südlich der niedere aber dichte Birkenwald Húsafellskógur. Endlich an der Brücke angelangt wechsle ich auf die Hvítási­a, die "Hvításeite" des Tales und der drückende Rucksack erinnert mich daran, daß es Zeit wäre eine kleine Pause einzulegen.

Mit dem Überschreiten der Brücke ist auch die Entscheidung gefallen, die Tour nicht abzubrechen und die zweite Etappe anzugehen. Ich fühle mich fit, bin wieder eingelaufen und der Arm hat alle Belastungsproben gut überstanden. Sonne und das nun endlich gute Wetter sorgen zudem für die Moral und Motivation.

... bönnu­
Neben der Straße ein komfortables Rasenbänkchen und ein nettes Schild "Zelten verboten". Der Grundeigentümer scheint hier schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Kurz vor dem Hof Kalmanstungur inspiriert mich noch ein Schild "Vorsicht Fußgänger!" ein Photo zu stellen. Ich bin tief gerührt, daß man hier so fürsorglich der Sicherheit der Wanderer gedenkt. Hundert Meter hinter dem Schild biege ich nach rechts zum Hof Kalmanstunga ab. Der große, abgelegene Hof besteht aus mehreren Gebäuden unterschiedlicher Entstehungszeit. Kalmanstunga wird in vielen alten Reiseberichten und auch in der Hellismannasaga erwähnt. Zwischen den Gebäuden hindurch werde ich vom Hofhund ausgebellt und folge weiter einem Weg der durch die saftigen Wiesen zu einer etwas entfernteren Gruppe von Scheunen führt, wo er offensichtlich endet.

Trekker?
An den Scheunen ist ein Mann damit beschäftigt die Mechanik eines Heuladers abzuschmieren. Da ich ungern über die Felder eines Hofes trample ohne wenigstens die Erlaubnis dafür einzuholen, nähere ich mich ihm und spreche ihn vorsichtig an. Da er unter seinem Heulader liegt hat er mein Kommen nicht bemerkt. Er ist wohl schon gut über Sechzig und vielleicht kann ich von ihm ein paar Auskünfte über meine heutigen Weg und den günstigsten Aufstieg von TorfabŠli zur Flosaskar­ erfahren. Wenn einer was weiß, dann sicher er, denn das ist schließlich das Hinterland seines Hofes. Anfangs grummelt er etwas, taut dann aber auf und wird richtig gesprächig. Aha, also nicht durch die Schluchten Hafragil oder Flosagil, sonder einfach zwischen ihnen, gerade den Hang hinauf. Und da er gerade sowieso mit dem Abschmieren seines Heuladers fertig sei, könne er mich bis zu seinem Heufeld mitnehmen. Es ist zwar gerade mal einen Kilometer bis dorthin und ich werden gehörig durchgeschüttelt, aber ich nehme das freundliche Angebot an. Halb isländisch, halb englisch fragt er mich aus. Was ich so beruflich mache und warum ich so viel in Island reisen würde? Sein Sohn würde in den USA leben und wäre auch Programmieren, ja, ja, die Computer. Wir sind am letzten Heufeld angekommen und ich verabschiede mich von dem freundlichen, alten Mann. Ich soll aufpassen, meint er noch, hinter dem Berg und deutet Richtung Eiríksjökull, gibt es viele Sandstürme.

Ich habe meinen Rucksack wieder geschultert und folge einem schmalen Reitweg am südlichen Hangfuß des Strúturs nach Osten. Manchmal verliert sich die Spur am steilen Hang in abschüssigen Rinnen und die schäumende Hvítá lädt nicht gerade zu einem Bad ein. Am Hang viele Birken und wo sich die Hvítá in einer Schleife vom Hangfuß in die Lava des Geitlandhraun zurückzieht, schöne Wiesen mit Schafen im 3er Pack. An einem kleinem Bach, der weiter oben einen hübschen Wasserfall bildet, mache ich etwas verspätet eine ausgiebige und sonnige Mittagspause im weichen Gras des steilen Südhanges. Stóragil und Móhellir sind zwei weitere Schluchten in der Südflanke des Strútur. Langsam weichen die Skógarhlí­ar (Skókgarhlí­ar = Waldhänge) nach Norden zurück und entfernen sich etwas von den Hvítá. Und wirklich sind die ersten 50 -100 Höhenmeter am Hangfuß des Strúturs teilweise dicht mit Birken bestanden. Der Berg Strútur wird von dem Lavafeld Hallmundarhraun umflossen und sein Ausläufer heißt hier Skógarhlí­arhraun.

Im Osten der Skógarhlí­ar, genau vor der Flosaskar­ zwischen dem mächtigen Plateau des Eiríksjökull und den Kuppen des Hafrafell, ist am anderen Ufer des Lavastromes in der Karte eine kleine, grüne Oase mit dem Namen TorfabŠli verzeichnet. BŠli bedeutet Höhle oder Lager und Torfa bedeutet Grassode oder grünes mit Gras bewachsenes Gebiet. Oder aber dieser Ortsname leitet sich von dem Männernamen Torfi ab. Ob "Torfis Lager" oder "grasiges Lager", auf jeden Fall hatte ich diesen Platz von Anfang an als letzten komfortablen Zeltplatz am Fuße der Flosaskar­ eingeplant. 4,5 Kilometer wären es in gerader Linie über das Lavafeld bis nach TorfabŠli aber wenn ich noch weiter nach Nordwesten am Strútur entlang gehe kann ich den Lavafluß an seiner schmalsten Stelle überqueren und damit die Strecke fast halbieren.

Das Hallmundarhraun ist erst vor 1200 Jahren entstanden, also etwa um den Beginn der Besiedelung Islands. Mit großen Lavafeldern habe ich im Óda­ahraun und Kjalhraun schon etwas Erfahrungen sammeln können. Aber diese Lavafelder sind zum Teil mit Flug- und Schwemmsand bedeckt und die Lavarücken ragen wie Schären aus dem Sand. Im Hallmundarhraun ist die nicht der Fall, zwischen den Rücken sind tiefe Gräben, Löcher und Spalten. Anfangs erscheint einem ein Lavafeld als ein unsystematisches Chaos. Nach einiger Zeit lernt man aber die Formen zu unterscheiden und aus ihrer Entstehung zu verstehen. Selbst wenn ein so großer Lavastrom wie der Hallmundarhraun mit 30 km Länge und bis zu 10 km Breite zur Zeit des Höhepunktes der Lavaförderung ein breit strömender glühender Fluß gewesen ist, sein heutiges Bild zeigt ihn erstarrt in seiner letzten Phase der Bewegung. Die Strukturen an der Oberfläche des Lavafeldes sind so frisch, daß sich Vorgänge bei seiner Entstehung im Detail studieren lassen.

Die fließende, heiße Lave kühlt sich an ihrer Oberfläche ab, bildet wie heiße Milch eine Haut die sich zu den feinen verdrehten Wülsten der Stricklava zusammenschiebt, oder erstarrt zu einer noch plastischen Kruste unter der noch weiter das rotglühende Magma strömt. Wo die Lava abkühlt beginnt sie langsamer zu fließen oder dort wo sie langsamer fließt, kühlt sie ab? Unter dieser plastischen Kruste bilden sich viele mit unterschiedlicher Geschwindigkeit fließende Teilströme. Kommt es irgendwo zu einem Verschluß wird die Kruste über diesen Strömen hoch aufgewölbt und auch durchbrochen. Vom Druck befreite Lava quillt hervor wie flüssiges Erz beim Anstich eines Hochofens und bildet einen neuen oberflächlichen Strom, der rasch abkühlt. Es entsteht ein Labyrinth an überdeckten und offenen Kanalsystemen. Läßt der Nachschub in einem der schnellen Kanälen nach, aber dieser kann sich nach unten entleeren, so bleibt die erstarrte und gesprengte Kruste als Tonnengewölbe über dem Kanal stehen und hinterläßt eine Lavahöhle. Diese Gewölbe bilden in den Lavarücken die dominante Grundform des Lavafeldes. Im Skogarhli­arhraun sind sie an ihrer Basis meist zwischen 10 und 20 m breit und etwa 5m hoch. Als Einzelform sind sie meist nicht über mehr als 100 m lang, wobei sie sich verzweigen, mit anderen vereinen oder aber auch einfach abtauchen können. Häufig bilden sie auch nur flache Kuppeln ohne eine ausgeprägte Längserstreckung in der allgemeinen Fließrichtung des Lavafeldes zu haben. Charakteristisch für diese Lavarücken sind Dehnungsrisse und Spalten im Scheitelbereich. Im Extremfall können die Flanken der Lavarücken an ihrer Basis senkrecht sein. Neben dieser Grundform finden sich noch alle möglichen Varianten mit aufgebrochenen Gewölben, gekippten oder senkrecht gestellten Krustenschollen.

Nach Erkalten der Lava setzt die Verwitterung ein und die Schwerkraft läßt einen Teil der Decken der Gewölbe einstürzen. Obwohl es unwahrscheinlich ist, daß man als einzelner Wanderer mit seinem Gewicht den Einsturz einer solchen Höhlendecke verursacht, tut man doch gut daran sich zu vergegenwärtigen, daß man sehr viel häufiger über Hohlräumen wandelt als man sich (alp-) träumen läßt. Im Skogarhli­arhraun sind die Lavarücken meist von dichtem, weichem, grauem Moos überwachsen. In den "Tälern" und Mulden zwischen den Rücken wachsen sogar vereinzelt kleine Birkenkolonien. In der Karte ist das zum größten Teil mit der Signatur eines Helluhraun (Fladenlava mit flacher, glatter Oberfläche) und zum kleineren Teil mit der eines Apalhraun (Blocklava, Schlackebrocken ohne Zusammenhang) verzeichnet. Die Geologie unterscheidet dann noch etwas genauer und führt die Bildung eines Helluhraun auf eine basaltische (basische, gasarme) Lava und die des Apalhraun auf eine rhyolitische (saure, gasreiche) Lava zurück. Die Unterscheidung zwischen Helluhraun und Apalhraun bezieht sich also auf die Oberflächenbeschaffenheit der Lava und nicht auf das Relief.

Mit den Skógarhlí­ar am Fuß des Strútur verlasse ich die letzte erkennbare Pfadspur. Was ich vom Rand der Lava aus sehe ist nicht gerade ermutigend. Wie Riesenwellen folgt ein Lavarücken dem anderen. Wild zerbrochen, von großen Spalten durchzogen, mit aufgekippten Schollen gleicht das Lavafeld eher einem Gletscher als sonst etwas. Geradeausgehen ist nicht möglich. In vielen Windungen suche ich meinen Weg durch diesen Irrgarten. Im grauen, weichen Moos das die Täler zwischen den Lavarücken überwuchert versinkt man bis über die Knöchel. Ich versuche auf den harten Untergrund der Rücken zu bleiben denn das Moos verdeckt auch die allgegenwärtigen schmalen Spalten und Löcher. Ohne Skistöcke zum Abstützen und Sondieren würde ich nur ungern ein solches Lavafeld betreten wollen. Die Vielfalt der Formen ist phantastisch und der Gang beginnt nach etwas Gewöhnung sogar Spaß zu machen. Allerdings komme ich nur langsam voran, denn man muß verflucht aufpassen wo man hintritt. Die Richtung läßt sich grob halten, indem ich eine auffällige Landmarke an einem Berg anpeile. Als ich schließlich wieder das GPS befrage, zeigt es mir zum Wegpunkt TorfabŠli eine Entfernung von nur noch 200 m an. Kann ja wohl nicht sein - denke ich im ersten Moment, aber siehe da, die nächsten Lavarücken sind schon deutlich niedriger und stehen weiter auseinander.

Vor mir liegen ein paar kleine Seen, von Wollgras umsäumte Schlenken, klare Quellen und kleine glucksend Bäche. An etwas höher gelegenen, trockenen Standorten ersetzt niedere Heide die Moorvegetation. Einzelne Lavarücken unterteilen und trennen die Moore in unregelmäßige Buchten und abgeschlossene Senken. Das ist also TorfabŠli. Hier tritt der Grundwasserstrom unter dem Lavafeld an die Oberfläche. Wasser gibt es in Hülle und Fülle also muß ich nur ein trockenes und windgeschütztes Plätzchen für das Zelt finden. Während ich das Lavafeld überquerte hat sich der Himmel mehr und mehr bezogen und der Wind hat an Stärke zugenommen. Auf meiner Suche finde ich ein paar hübsche Bäche und zu meiner Überraschung ein etwa 20 x 10 m großes Felsbassin mit senkrechten Seitenwänden. Offensichtlich ist hier die Decke einer Lavahöhle eingestürzt und hat ein Becken gebildet in welchem nun tiefes, klares Wasser steht. Wenn das jetzt noch von einer warmen Quelle käme ... der perfekte Swimmingpool. Mein Schatten erschreckt ein paar Forellen die schnell unter die Basaltblöcke flitzen. Ich bin fasziniert. Nur 100 m weiter dann ein Platz, wie ich ihn gesucht habe: in einem kleinen Tälchen, eben, grasbewachsen und im Schutz einer kleinen Lavawand, die mir den inzwischen recht starken Südwind abhält. Nur der Boden ist etwas feucht. Unweit des Zeltplatzes zeigt ein etwa 2x2 m großes, mit klarem Wasser gefülltes Loch die Höhe des Grundwasserspiegels an.

TrofabŠli
Nach dem das Zelt aufgestellt ist mache ich mich auf eine kleine Photosafari solange ich noch mit etwas Sonne rechnen kann. Den Lavarücken unter dem mein Zelt steht markiere ich vorsichtshalber vorher mit einem Skistock. Nebenbei habe ich mich auch noch mit frischem Wasser versorgt. Zeit für ein kurzes Spätnachmittagsnickerchen. Danach bei einer Tasse Kaffee Eintragungen ins Tagebuch und Übertragen der im Laufe des Nachmittags genommenen GPS-Positionen in die Karte. Zum Abendessen Spaghettis, den Umständen entsprechend in abenteuerlichen Mengen - trotzdem habe ich es geschafft alles wegzuputzen. Anschließend noch ein Verdauungsspaziergang Richtung Westen. Laut GPS und Karte müßte ich mich schon westlich eines Baches befinden. Meine Zweifel erweisen sich aber als berechtigt. Der klare Bach, der Oberlauf der Hvítá, führt hier seinen Namen noch zu unrecht und ist noch nicht der trübe Gletscherfluß den die Zuflüsse aus der Hafragíl aus ihm machen. Auf jeden Fall ist morgen Früh ein Fußbad fällig, was zugegeben nicht schaden könnte. Die Wolken haben sich gegen Abend weiter zu 7/8 verdichtet. Alle sind föhnig überformt und zeigen Sturm in der Höhe an. Gut, der heutige Tag war geschenkt, aber morgen geht es durch schwieriges und steiles Gelände in die Flosaskar­ hinauf und da brauche ich gute Sicht. Im Zelt noch bis 22:20 Uhr an den Aufzeichnungen.


Zurück zu Inhalt
nächster Tag