10. Tag, Lykjafell - Hveravellir

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Copyright © Dieter Graser

Samstag, 9. August 1997


Trotz buckligem Untergrund passabel geschlafen. Es ist 4:15 Uhr und ich bin hellwach. Kurzer Blick aus den Zelteingang: alles ist hübsch überzuckert und die Wolken liegen fast auf. Da ich schon mal wach bin entschließe ich mich zu einem frühen Start, denn es sieht so aus, als könnte es noch mehr schneien. Das Zelt und die Leinen sind gefroren und beim Abbauen muß ich mit den Handschuhen das Eis abkratzen. Das Gestänge läßt sich nur widerwillig zerlegen und das Zelt läßt sich kaum im Packsack verstauen.

Überraschung!
Um 6:30 Uhr bin ich fertig. Ich trage die Sturmhaube unter der Mütze und Handschuhe mit GoreTex-Überfäustlingen. Das kurze Tal läuft auf eine weite Blockschuttebene im Vorfeld des Langjökulls aus. Die Blöcke sind kantig, kopf- bis metergroß und auf ihrer Nordseite mit etwa 2 cm angewehtem Schnee überzogen. Herrschte beim Abbauen des Zeltes noch relativ gute Sicht, so ging diese rasch auf etwa 100-200 m zurück. Mit GPS und Kompaß bestimme ich meinen Kurs. Meine Marschrichtung ist 4 km SE zum südlichen Ende des Höhenzuges der Búrfjöll. Ich suche mir große charakteristische Felsblöcke in Sichtweite als Peilpunkte und halte auf sie zu. Am Anfang wählte ich den Abstand zur nächsten Kurskontrolle zu lang und wähnte alles noch in bester Ordnung bis ich feststellte, daß ich in der grauen Suppe schon um 90° vom Kurs abgewichen war. Da beim Gehen über die verschneiten und vereisten Felsblöcke die Augen immer nur auf den nächsten Tritt gerichtet ist, läßt sich die Gehrichtung auch ganz gut anhand der Schneeanlagerung abschätzen. Darauf hätte ich gleich achten sollen.

Schnee
Eine gute Stunde nach dem Aufbruch erreiche ich den Wegpunkt am südlichen Ende der Búrfjöll das Ende der Hochebene. Mit den ersten Höhenmeter bergab komme ich aus dem Nebel heraus und die Sicht wird frei. Mit zunehmendem Gefälle wird das Blockwerk eher noch gröber und teilweise muß ich mir den Weg durch die Felsen erst suchen. Djöflasandur - Teufelssander heißt dieser lange, flache Schutthang. Weiter unten lockt schon wieder erste Vegetation unter dem dünnen Schnee. Immer noch lebhafter Nordwind mit Schneeschauern aber in kurzen Momenten gibt sich auch schon mal die Sonne die Ehre. Unter der tiefen Wolkendecke hindurch geht der Blick nach Osten weit über die Ebene des Kjölurs. Selbst die Kjölur Hochlandpiste ist in knapp 10 km Entfernung auszumachen. Endlich habe ich das Gestolpere über den Blockschutt hinter mir, darf aber nun über meterhohe Žúfur balancieren - vom Regen in die Traufe. Žúfur - Erdbülten oder Heidehöcker sind eine isländische Spezialität. Im Zusammenspiel von wasserhaltenden Böden, Vegetationsbedeckung und Frosthub gesellt sich, wie auf einem Blech voller Rohrnudeln, ein Buckel zum anderen. In der Vertiefung zwischen den Buckeln kann man nur mit der Spurbreite eines isländischen Schafes bequem gehen. Als Wanderer bleibt einem nichts anderes übrig als trippelnd auf den Buckeln zu balancieren dann mit einem weiten Schritt zum nächsten zu grätschen oder zu hüpfen. Vorsicht, denn zwischen den Buckeln können Heide und Zwergbirken die Fallgruben der tiefen Gräben verdecken. Mit Annäherung an einen Bach sind diese dann sumpfig oder gar mit Wasser gefüllt. Daušmannskvísl - "Leichenbach" heißt das hübsche Gewässer dessen Quellbäche ich hier queren muß. Nach dem Teufelssander ein weiterer wenig anheimelnder Flurname ungewisser Herkunft.

Viel schneller als im Blockwerk komme ich auch hier nicht voran, aber es ist noch früh am Tag und ich rechne schon gegen Mittag in Hveravellir zu sein. Über einen steileren Hang mit vielen Quellen und sumpfigem Moos geht es hinunter zur Hvannagil (Engelwurzschlucht). In den Bergschuhen wird es feuchter und feuchter. Hinter der Ebene der Tjarnadalir (Seentäler) sind schon die Dampfahnen der heißen Quellen und das Gebäude der Wetterstation von Hveravellir zu sehen. Die Tjarnadalir werden ihrem Namen gerecht und sind eine ausgesprochen feuchte Angelegenheit. Sumpfige Tümpel, Bäche, hohe Žúfur, schmale Schafpfade. Ein Kilometer vor Hveravellir muß ich noch den Bach Žegjandi ("der Schweigende") furten und dann versperrt mir wieder der "Große Ost-West-Zaun" den Weg. Hier bei Hveravellir ist er jedoch so gut gebaut, daß er nicht so ohne weiteres zu überklettern ist. Bis zu einem Tor das zu einem Stallgebäude führt ist es allerdings nicht weit.

Zeltplatz
Pünktlich um 12:00 Uhr Ankunft in der Hochlandoase Hveravellir. Um diese Tageszeit ist es hier am ruhigsten. Die Übernachtungsgäste sind entweder schon weg oder noch nicht angekommen. Mein Stammplatz für das Zelt an der Rasenstufe am Bach ist noch frei. Zelt aufgebaut und ab in das von den heißen Quellen gespeiste Bad neben der alten Hütte. Der Genuß dieser Wohltat ist von mir schon in früheren Reiseberichten ausführlich, aber wohl immer so unzureichend beschrieben worden, daß ich an dieser Stelle auf einen erneut vergeblichen Versuch verzichte und nur zur persönlichen Erfahrung auffordere. Nach dem Bad Brotzeit mit Hangikjöt, geräuchertem Lammschinken. An der Hütte meinen deponierten kleinen Rucksack mit den Vorräten für weitere 8 Tage abgeholt. Wo soll das Zeug alles hin? Ich glaube ich werde einen Teil davon weiterschicken müssen.

Hveravellir
Während des Morgens habe ich mich langsam dem Gedanken genähert, daß Hveravellir wie im Winter auch diesmal der Endpunkt sein könnte. Neun Tage war ich bis jetzt unterwegs. Der Weg war anspruchsvoll, das Wetter schwierig und nur an einem einzigen Tag wirklich schön. Wenn ich hier abbrechen würde, das Erlebte wäre genug um damit zufrieden zu sein. Das waren meine Gedanken heute Morgen, aber das Bad und das sich stetig verbessernde Wetter haben mich neu motiviert. Eineinhalb Tage Ruhepause sind jetzt ganz angenehm. Landsbjörg angerufen und dort auf dem Band die Nachricht meiner Ankunft in Hveravellir hinterlassen. In Dęli wieder mal nur das Faxgerät erreicht.

Gegen Abend ist der Himmel wolkenlos. Sehr klare Sicht und nur ein Hauch von Wind - dabei hatte der Tag ganz anders angefangen. Phototour zu den heißen Quellen, anschließend noch ein abendliches Bad und vor dem Zelt noch mit den Nachbarn geplauscht.


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