14. Tag, Ingólfsskáli - Bleikálupollar

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Copyright © Dieter Graser

Mittwoch 13. August 1997


Sehr gut geschlafen! Es ist 6:00 Uhr, die Sonne scheint durch das Hüttenfenster und das Wetter scheint sich nicht geändert zu haben, nur daß ein leichter Wind weht. Bis auf ein paar dünne Cirren im Süden ist der Himmel wolkenlos. Eine Sonnencreme mitzunehmen hätte nicht geschadet denn ich habe jetzt von gestern einen Sonnenbrand an Waden, Armen und im Gesicht.

Laut Karte sind heute nur zwei Flüsse zu queren, die Fossá und den Bleikálukvísl. Zum Glück werde ich beide am Vormittag erreichen, denn wie es aussieht wird sich der Schmelzwasserabfluß heute noch weiter aufschaukeln.

Warnung!
Frühstück und dann Aufbruch um 7:45 Uhr. Schnell noch das Schild am Ende der Schotterstraße zur Hütte photographiert das vor der Gefährlichkeit des Weges nördlich des Hofsjökulls warnt und dann die Piste unter die Füße genommen. Die führt erst nach Norden, dann aber nicht weiter wie in der Karte verzeichnet um das Lamabahraun herum sondern biegt im rechten Winkel nach Osten ab und quert das Lavafeld. Die Lava ist jung und wenig verwittert, hier und da übermoost aber vom Charakter eher eine Blocklava und damit wenig einladend. Die Piste wurde von einer Planierraupe in vielen Windungen hindurchgefräst und ich freue mich über die unerwartete Abkürzung, die mir etwa 5 km Umweg erspart. Was ich mir allerdings nach Norden erspart habe darf ich nun entlang der Fossá nach Süden marschieren, denn erst am Ásbjarnarfell gibt es eine Engstelle an welcher der Fluß überbrückt werden konnte. Beim Blick in das unter der Brücke hindurchschießende, schmutzig aufgewühlte Wasser denke ich nur ungern ans Furten und billige den gut einstündigen Umweg als Preis für eine komfortable Brücke. Nun also wieder zurück nach Norden.

Der leichte Wind vom Morgen ist fast eingeschlafen und die Sonne nimmt Anlauf ihren gestrigen Rekord zu brechen. Passend zum Wetter wird die Landschaft wieder zunehmend wüstenhaft. Nur Sand und Kies, kaum eine Spur von Vegetation, gerade mal ein kleines Steinnelkenpolster. Die Sonne läßt die Waden aufglühen und ich habe mir die Lippen dick eingeschmiert. Wenn es gestern warm war, so ist es heute geradezu heiß. Selten mal ein Lüftchen das Kühlung bringt. Meinem Rucksackthermometer nach hat es etwa 23 °C. Die Luft ist sehr trocken aber die Fernsicht ist, im Gegensatz zu gestern, durch leichten Dunst etwas eingeschränkt. Die paar Cirren und hohen Lenticularis über dem Hofsjökull bringen keinen Schatten.

Um 11:00 Uhr erreiche ich die Ásbjarnarvötn. Die Piste führt zwischen den beiden unregelmäßig geformten Seen, die nur durch einer niedrigen Erhebung getrennt sind, hindurch. Vom Weg sind es nur 10 Meter bis zum klaren Wasser. An die flachen Ufer schließt sich ein schmale Vegetationszone an, deren Grün ausgesprochen einladend wirkt. Es könnte keinen besseren Platz für eine vorgezogene aber dafür ausgiebige Mittagspause geben! Ich stelle den Rucksack ab und setze mich auf einen niedrigen Grashöcker direkt an Wasser. Weit draußen auf dem See ein Schwanenpärchen. Ich trinke mich satt und fülle meine Flasche noch einmal ganz auf. Ausgeruht und vollgetankt geht es zurück auf die Piste und weiter am Seeufer entlang. Am Ostende des Sees fließt ein von Süden her ein hübscher, klarer Bach zu. An der Furt der Piste ist er etwa 4-5 m breit und auch ziemlich tief, aber 100 m oberhalb kann er über ein paar Felsblöcke auch trockenen Fußes überwunden werden. Klares Wasser an einem kleinen Wasserfall, flacher von Vegetation bedeckter Boden - wäre ein schöner Platz zum Zelten.

Pause
Nur ein paar Schritte weiter bin ich wieder in der Wüste. Die Piste windet sich durch große Basaltblöcke bis zum Fuß der Raušholar, zwei aus auffallend roten Gesteinsschutt aufgebaute Berge, die ihren Namen ganz zu Recht tragen. Dann flach hinunter zum Bleikálukvísl, der sich jedoch als ausgetrocknetes Wadi erweist. Wegen der ungewöhnlichen Hitze lege ich alle halbe Stunde eine kurze Pause ein. Neben der Piste, die hier fast im ausgetrocknetem Flußbett verläuft, finde ich noch eine Lache mit klarem Wasser. Anlaß für eine weitere Pause. Der Hofsjökull ist zurückgeblieben und mit zunehmenden Abstand kann ich nun seine Nordostseite überblicken. Die Piste biegt nun mehr und mehr nach NNE und für mich wird es Zeit sie zu verlassen und nach Osten zur Piste Laugafell - Skagafjöšur zu queren. Nach der Karte müßte ich mich wieder auf dem alten Eyfiršingavegur befinden, aber es sind keine Spuren oder sonstige Hinweise zu entdecken. Ich halte mich in den flachen Talmulden zwischen den nur wenige Zehnermeter hohen Hügeln und Rücken. Mit Kompaß und GPS halte ich mich in diesem unübersichtlichen Gelände ziemlich genau auf meinem Sollkurs. Alle 15 Minuten nehme ich meine Position. Weniger aus Notwendigkeit als um festzustellen, daß ich meinem Tagesziel wieder ein Stück genähert habe. 9 Kilometer sind es bis zur Laugafellpiste und 8 Kilometer sind es bis zum Pollakvísl, einem Bach der von dem kleinen Orravatn gespeist wird. Das bedeutet klares Wasser, konstanter Abfluß und Vegetation. Es ist verrückt: das "gute" Wetter kostet genauso viel Kraft und Moral als würde es schütten und stürmen. Nur ist es dann leichter zu akzeptieren, wenn man die Schuld auf das Wetter schieben kann. Aber vielleicht steckt mir auch noch der gestrige Tag in den Knochen.

Die Hügel und Tälchen sind weich geformt und scheinen nur aus grauen Gesteinsschutt zu bestehen oder dick von ihm überzogen zu sein. Frost und das über den im Frühjahr noch gefrorenen Boden oberflächlich abfließende Schmelzwasser haben ihre Spuren an den Hängen und in den Tiefenlinien hinterlassen. Flache Kiesbänke und Sandflächen in den Talmulden und dann wieder schwärzliches Steinpflaster. Aber jetzt ist alles trocken und ausgedorrt.

Wegzeichen
Von schräg rechts tauchen einige gelbe Markierungspfähle auf, die im spitzen Winkel meinen Kurs kreuzen. Die Pfähle sind alt, verwittert und weit gesteckt. Auch die undeutlichen Fahrspuren zeugen davon daß dieser in keiner Karte verzeichnete Weg nur sehr selten benutzt wird. Hufspuren auf meinem Kompasskurs sind da schon eher eine Einladung ihnen zu folgen. Ein großer Felsblock auf dem noch 3 weitere Steine geschichtet sind ist ein erster Hinweis, daß ich auf den Spuren des alten Weges bin. Entlang dem Quellgebiet der Svörturústir, einer grünen Oase in dieser Steinwüste geht es weiter nach Osten einen flachen Höhenzug hinauf. Weit kann es jetzt nicht mehr sein. Auf der Kuppe zwei kleine Warten und dann habe ich den Blick hinunter in das flache breite Tal des Pollakvísl. Noch einmal rasten und dann langsam den flachen Abstieg angegangen.

Der Talboden ist ein einziges Feuchtgebiet - üppig grün, weiß getupft vom Wollgras in flachen vermoosten Sümpfen, viele kleine Tümpel und Moorschlecken. Der Pollakvísl, ein sanfter Moorbach mit steilen Torfufern, der in vielen Windungen und Schleifen durch sein Tal mäandriert, so daß man leicht den Überblick verliert und anstatt einmal mehrfach den selben Bach furten muß. An einer Stelle, an welcher der Bachgrund einen einigermaßen festen Eindruck macht, gelingt es mir zu hindurch zu waten ohne zu versumpfen. Die Sandalen lasse ich nach dem Furten gleich an, denn bis zu einem geeigneten Zeltplatz ist es nicht weit, aber ziemlich feucht.

Es ist 16:00 Uhr, das Zelt ist schnell aufgebaut und provisorisch eingeräumt. Im Zelt wird es gleich warm und bei weit geöffnetem Eingang der etwas kühlenden Wind hereinkommen lassen soll, schlafe ich ein wenig. Danach fühle ich mich besser, aber erfrischt bin ich nicht. Beim Furten des Baches war mir aufgefallen daß der schwarze Torf im Bachbett dafür gesorgt hat, daß das langsam fließende Wasser während des sonnigen Tages aufs angenehmste erwärmt wurde - zumindest im Vergleich mit den Gletscherflüssen. Also ziehe ich los und suche mir einen geeigneten Gumpen. Genau das hat mir gefehlt und mit Genuß tauche ich im Wasser liegend auch mit Kopf unter. Die Wassertemperatur dürfte so um die 17°C betragen. Ein Handtuch brauche ich nicht - Sonne und ein leichter Wind trocknen von allein.

Schwäne
Zurück zum Zelt werde ich unternehmungslustig. Die ganze Zeit höre ich schon in einiger Entfernung eine Schwanenpärchen rostig tuten - von wegen "Singschwäne". Ich schnappe mir den Photo und pirsche los. In dem Bachlabyrinth finde ich sie in ihrem Privatsee schwimmend. Ein Bild - und der Film ist voll. Nachdem der Bildzähler des Photos hinüber ist hätte ich vielleicht doch einen Ersatzfilm mitnehmen sollen. Also zurück zum Zelt und Film wechseln und dann das selbe noch mal. Gut versteckt schleiche ich mich an, was allerdings nicht nötig gewesen wäre, denn die Schwäne betrachten mich nicht als Gefahr sondern allenfalls als störend. Solange ich aber am Ufer bin komme ich einfach nicht näher an die Tiere heran, sie paddeln ruhig auf die andere Seite ihres Swimmingpool-großen Sees und quäken nur im Wechselgesang. OK, also dann, Klamotten runter und nur mit Photo bekleidet werde ich zum Co-Schwan. Der Plan geht nicht ganz auf denn der Swimmingpool ist tiefer als 183 cm und mit Photo schwimmt es sich nun mal schlecht und so wird wohl nicht viel aus dem Bild "Schwanenpaar mit Gletscher im Hintergrund". Aber weil es eben Spaß macht nehme ich mich eben selbst mit auf das Bild und schwimme noch ein paar Züge. Doch dann ist es genug und ich will die beiden nicht mehr weiter stören.

Zum Abendessen Curryhuhn dann an den Aufzeichnungen. Am Himmel sind vermehrt hohe Wolken aufgezogen, aber der abendliche Wind ist wieder eingeschlafen - was ich sicherlich auch bald werde.


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