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1. Tag, Reykjanesviti - Žorbjörn

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Copyright © Dieter Graser

Sonntag, 8. Juli 2001


LeuchtturmLeuchtturm Reykjanesviti
Das Wetter sieht gut aus. Zum Frühstück verdrücke ich 500g Blaubeerskżr. Weiter nach Topf und Besteck gefahndet. Der Platz ist ja wirklich klein und die Gruppe von Nordwind-Reisen hat ihn auch nicht versehentlich eingepackt. Ein Rätsel - Topf und Besteck sind und bleiben verschollen. Hans spendiert mir eine Gabel aus seinem Tafelsilber! Bei schönstem Wetter brechen wir auf und fahren mit seinem VW-Camper zum Leuchtturm Reykjanesviti. Ich steige noch auf den Hügel, auf dem der Turm steht und mache ein paar Photos.

Gegen 10:00 Uhr schultere ich den Rucksack. Hinter mir die leichte Brandung des Atlantiks und vor mir liegen ganz Island und 5 Wochen Zeit. Einfach nach Nordosten laufen. Mein letztes Depot liegt am Mżvatn - so kann ich maximal 600 km bis zur Ásbyrgi gehen. Reservetage habe ich diesmal nicht eingeplant also verkürzt jede Verzögerung die mögliche Strecke. Einen Tag habe ich schon verloren, aber darüber brauche ich mir jetzt wirklich noch keine Gedanken machen. Diese Tour ist so voller Fragezeichen, daß schon das Übermorgen ferne Zukunft ist.

AufbruchAufbruch
Ich verabschiede mich von Hans mit einem Danke und Servus und folge den gelb-blauen Markierungspflöcken, von denen ich mal annehme, daß sie den Beginn des Reykjavegurs bezeichnen. Wie der Beschreibung nach führen sie erst mal nach Norden. Komme nur mühsam in die Gänge. Der neue Rucksack will erst richtig eingestellt sein. Die ebenfalls neuen Stiefel hören sofort auf am Rist zu drücken, sobald sie merken, daß es ernst wird. Über Sand, kippeliges Lavageröll und ohne erkennbare Pfadspur geht es von Pflock zu Pflock. Lege viele kurze Pausen ein. Meine konditionelle Vorbereitung war in diesem Jahr so schlecht wie noch selten. Training on the trail? Lange begleitet mich das donnernde Fauchen eines Geothermalkraftwerks. Der Weg folgt einer alten Piste und bei einem kleinen See biegt er nach Osten ab und quert eine Straße. Danach wieder weglos den Markierungspflöcken nach. Beim Erreichen des Prestustigur mit seinen Steinwarten gönne ich mir eine Pause und ein kurzes Schläfchen auf der Heide. So stelle ich mir eine Tour vor! Es ist warm und ab und zu bringt eine Brise vom Meer her leichte Kühlung. Ab dem Presturstigur gibt es auch nun auch eine Pfadspur, die das Gehen deutlich erleichtert. Zu der Kraterreihe der Eldvörp geht es teilweise auf einer parallel laufenden Piste. Über und entlang der Kraterreihe fordert der Weg mit kurzen Auf- und Abstiegen und vielen Stufen wieder Vorsicht und Kraft. Aber es ist abwechslungsreich. Etwa alle Stunde donnern mit etwas Abstand zwei Icelandair Maschinen im Anflug auf Keflavík über mich hinweg.

EldvörpEldvörp
Schöne Dampfaustritte am Ende der Eldvörp Kraterreihe. Dann geht es direkt auf die SW-Seite des Berges Žorbjörn (Žorbjarnarfjall) zu. Etwas Kletterei bei der Überquerung einer breiten Spalte. Halbrechts liegt nun wieder Grindavík und hablinks die "Blaue Lagune" Bláa Lóniš. Und wo bitte ist die Hütte? Der Weg wendet sich erst nach Süden und dann biegt er wieder scharf nach Norden ab. Also geht der Weg doch um die Nordseite des Žórbjörn herum.

In einem engen Tälchen zwischen Berghang und Lava steht schließlich die gesuchte Hütte. Schön, neu gebaut, mit einem durch einen Holzsteg vebundenem Haupt- und einem Toiletten- und Waschhaus! Endlich kann ich meinen Rucksack abstellen. Zu früh gefreut, die Hütte ist zwar neu und fertig, aber verschlossen und die sanitären Einrichtungen sind nicht angeschlossen - kein Wasser! Auf der Rückseite der Hütte ist eine Fensterscheibe mit eine Markierungspfahl eingeschlagen worden. Haben sich da enttäusche Wanderer mit Gewalt Zutritt verschafft? Vandalismus ist eine Zivilisationskrankheit.

ŽorbjörnŽorbjörn
Mit schwerem Herzen und noch viel schwereren Beinen weiter. Teilweise etwas mühsam am Hang entlang. In der Felswand oben am Berg streiten lauthals Möven. Ich erreich das kleine Aufforstungsgebiet Bašvellir am Nordrand des Žórbjörn. Ein schwarzweißes Kaninchen hoppelt mir über den Weg und verschwindet in der Lava. Wie bitte???? Ein Kaninchen? Sehe ich jetzt schon Kaninchen? In einer kleinen Lichtung am Rand der Aufforstung ein Rast- und Zeltplatz. Vier isländische Jugendliche haben gerade ihre Zelte zusammengepackt und warten darauf von ihrem Wochenendausflug abgeholt zu werden. Ich ergattere von ihnen eine Tüte mit vier Einmallöffeln aus Platik, die sie in die Mülltonne werfen wollten. Einer erzählt mir ganz begeistert: " ... you know, here are rabbits! Even young ones!" Das beruhigt mich dann doch ungemein. Also doch keine Gespensterkaninchen! Baue schnell mein Zelt auf, werfe Wassersäcke, die Flasche und die Badesachen in den leeren Rucksack und mache mich auf den Weg zur Blauen Lagune. Es ist nun 19:45 Uhr und Luftlinie sind es höchstens ein Kilometer bis zu dem Geothermalkraftwerk, aber dawischen liegt das Illahraun, was sich mit "schlimmes Lavafeld" übersetzen läßt. Also außen herum über die Straße. Trotz ordentlichem Tempo brauche ich 45 Minuten bis zum Bad Bláa Lóniš, Islands berühmtesten Bad.

Der Badesee ist neu angelegt, modern ausgebaut und nun auch etwas vom Kraftwerk entfernt. Das warme Salzwasser tut unendlich gut und ich paddle auf dem Rücken liegend durch den dampfende See. Zwischen den Dampfschwaden ein paar fast überirdische Erscheinungen. Eine Gruppe von Photomodellen entspannt sich hier vom anstrengenden Shooting. Na ja, da darf das Auge schon mal etwas länger verweilen. Der weiße Kieselalgenschlamm ist bekannt für seine kosmetische Wirkung und wird sogar exportiert. Doch den Schönheiten wird die Schau gestohlen, als plötzlich ein Gruppe von etwa 20 jungen Mädchen (eine hübscher als die andere) zu singen anfängt. Ein Mädchenchor verzaubert alle Gäste. Mit weißen Schlammasken, teils bis zum Hals im Wasser, in Dreier- oder Vierergruppen, je nach Stimmlage, den Gesang mit Gesten und Mimik untermalend. Diese Mädchen (der dänische Rundfunkchor, weiß irgendjemand) waren von solch einem natürlichem Charme, daß niemand sich mehr nach den Models umdrehte sondern nur noch den kleinen Meerjungfrauen lauschte. Der Beifall war entsprechend und es gab auch noch eine Zugabe.

Am Waschbecken in den Duschräumen habe ich noch 5 l Wasser für die nächsten 2 Tage aufgetankt. Für den Weg zurück zum Zelt brauche ich über eine Stunde. In der Nachbarlichtung hat sich ein gelbes NorthFace Zelt eingefunden. Koche mir um 23:00 Uhr etwas zum Essen. Habe seit dem Skżr zum Frühstück nichts mehr in den Magen bekommen.


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2. Tag: Žorbjörn - Brattháls