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7. Tag, Sleggjubeinsdalur - Stangarháls

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Copyright © Dieter Graser

Samstag, 14. Juli 2001


SleggjubeinsdalurSleggjubeinsdalir
Um 6:00 Uhr auf und um 8:00 Uhr Start. Ein kalter Nordwind treibt tiefe Wolkenfetzen an die Berge. Gleich zum Aufwärmen den schon gestern Abend begutachteten Anstieg hinauf. Umstezung der "Therorie der meditativen Atemübung". Der Hang kostet mich zwar 45 Minuten aber kaum Anstrengung. Ich bin stolz auf mich - ich habe das Problem "Anstieg mit 30 Kilo-Rucksack" im Kopf gelöst. Ich wollte, ich hätte eine ähnliche Technik für das simple Geradeauslaufen. Die gelb-blauen Pflöcke führen mich in den weiten, grasbewachsenen Talboden des Innstidalurs. Hier im Massiv des Hengill herrscht kein Wassermangel. Ein schöner, klarer Bergbach fließt durch die üppigen Wiesen. In einer Schlucht am Südrand des wolkenverhangenen Hengills donnert und faucht eine Dampfquelle mit einem Geräusch, dass an Stärke und und Klang einer Fokker50 im Leerlauf ähnelt.

WandererWanderer
In bester Wanderlaune folge ich dem Tal hinaus bis zu einer Querschwelle, an der sich 3 Bäche vereinen und dann durch die Schlucht Žrengslin fließen. Der Weg verläßt hier das Tal und steigt am steilen Talhang Richtung Nordosten an. Komme ich heute also doch noch zu einer schönen Bergtour! Das Wetter wird immer besser und im Lee des Hengill haben sich die Wolken schließlich ganz aufgelöst. Immer schön den gelb-blauen Pflöcken nach. Auf den beiden Wegweisern die ich finde, ist aber nie vom Reykjavegur die Rede, höchstens von Hveragerši - und das ist ja eigentlich gar nicht meine Richtung. Mein Ziel ist Nesjavellir in Nordosten des Hengill. Am Punkt 520 geht es ziemlich genau nach Südosten und das macht mir jetzt wirklich Sorgen. Über einen breiten Rücken führt der Weg hinunter auf eine Verebnung am oberen Ende des Reykjadalur. Offensichtlich führt hier eine Piste von Hveragerši herauf. Neben einem kleinen, futuristisch wirkenden, kugelförmigen Konstruktion (Bohrloch? geophysikalische Meßstation?) steht ein Landrover und zwei Wanderer schultern gerade ihre Rucksäcke. Als wir uns begegnen frage ich sie ob ich noch auf dem Reykjavegur unterwegs bin? Sie schauen mich ziemlich ratlos an, haben zwar schon mal von dem Weg gehört, aber nein - keine Ahnung. Unten am Parkplatz soll es ein Infotafel mit einer Karte geben. Wir plaudern noch eine Weile - war ein richtig langes Gespäch.

Hengillam Hengill
Die besagte Infotafel schweigt sich über den Reykjavegur aus. Einen markierten Verbindungsweg von hier nach Nesjavellir gibt es nicht. Na ja. Jede Gemeinde markiert halt seine Wanderwege irgendwie, aber vielleicht sollten sie mal miteinander reden. In der Nähe ist eine heiße Quelle mit fauchenden Dampfaustritten und blubbernden Schlammtöpfen. Ein schöner Platz für eine Mittagspause. Na gut, dann werde ich eben weglos, nach Karte, Kompass und GPS die 6 km nach Nesbúš gehen.

Hengillwarmer Wasserfall
Erst mal hinunter in das Žverárdalur. Ich folge dem Bach der an der Heißen Quelle entspringt. Immer wieder stoße ich auf weitere kleine Dampfaustritte und Quellen. Weiter unten wird es sogar richtig spektakulär mit bunten Schlammtöpfen und siedenden Kesseln. Mein Bächlein hat inzwischen weiteren warmen Zulauf bekommen. Ich schätze den Abfluß auf etwa 10 l/s und die Handprobe bestätigt gepflegte Badewannentemperatur. Fehlt eigentlich nur noch die Wanne! Vor mir liegt eine kleine Schlucht, die sich auf der Südseite umgehen läßt. Aber ich wähle mit Bedacht den schwierigeren Weg und folge dem kleinen Bach in das enge Tälchen. Wie gehofft werde ich fündig! Ein großer Block sperrt das Gerinne, bildet einen kleinen Wasserfall mit dem dazugehörigen Kolk. Ohne Zögern runter mit dem Rucksak, raus aus den Klamotten und hinein in den Kolk. Das ist sie, die perfekte Badewanne! Die Sonnestrahlen erreichen hier gerade den Talgrund. Ahhhhh, das schönste Bad Islands! Seit sechs Tagen konnte ich mich nicht mehr richtig waschen. Ich suhle mich im warmen Wasser und lasse mir von dem kleinen Wasserfall alle Muskeln durchmassieren. Die Wassertemperatur beträgt etwa 35°C. Mit einem kleinen Damm erhöhe ich den Wasserstand im Becken noch um ein paar Zentimeter und verlasse während der nächsten anderthalb Stunden das Bad nur um ein neues Photo einzustellen. Nach dem Bad nehme ich mit dem GPS noch sorgfältig die Koordinaten. Ich liebe Island für dies kleinen Überraschungen!

Sauber, entspannt, angenehm müde und ausgelaugt dann weiter hinunter in den flachen Boden des Žverárdalur. Einen guten Kilometer weiter nördlich sehe ich zwei buntbekleidete Biker ihre gepäcklosen Räder weglos den Hang hinaufzerren. Später stoße ich auf ihre Fuß- und Reifenspuren (Isländer auf Erstbeschiebung?). Ich halte mich weiter auf meinem Kurs und versuche einen höheren Rücken zu überqueren. Leider ist die 1:100 000er Karte alles ziemlich winzig und nicht detailgenau und so versperrt mir eine tiefe Schlucht den weiteren Weg. Zudem versucht mich der Nordwestwind mit Gewalt vom Kamm zu wehen. Also wieder hinunter und die Schlucht an ihren nahen Ausgang umgehen. Nach der Querung des Baches überlege ich mir: bei Nesbúš erwartet mich ein Hotel mit Restaurant aber hier hätte ich einen schönen, Zeltplatz am Wasser. Also zurück über den Bach und an einer windgeschützten Stelle das Zelt aufgebaut. Herrlich - das nenne ich Reisen! Die Sonne heizt das Zelt und nur ab und zu wird es etwas von den Leeböen durchgeschüttelt. Gedöst und dann gekocht (heute Morgen war die erste Kartusche zu Ende). Danach an den Aufzeichnungen. Abendspaziergang auf den nächsten Höhenzug Stangarháls. Just hinter dem auf ihm verlaufenden Zaun lachen mir die wohlbekannten, gelbblauen Pflöcke entgegen. Ich drehe ihnen eine Nase und blicke hinunter auf die kleine Hotelanlage von Nesbúš und das Thermalkraftwerk Nesvallavirkjun das einen Lärm macht wie ein startender Jet. Zurück an meinem Zeltplatz höre ich es nur noch leise grollen.


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8. Tag Stangarháls - Žingvellir