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10. Tag; Landmannalaugar - Sigalda

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Copyright © Dieter Graser

Sonntag, 4.August 1996


Um 5:30 Uhr aufgewacht, war keine gute Nacht, Halsschmerzen und etwas verschnupft. Muß kurz raus. Das Thermometer am Fahrrad meines schweizer Zeltnachbars zeigt +5C. 3/8 Cum, frischer Südwind, aber die Sonne scheint auf meinen Zelteingang. Bis Nýidalur sind es von hier aus knapp 100 Kilometer. Irgendwie bin ich heute morgen noch nicht besonders optimistisch, aber ich werde einfach mal anfangen zu Gehen. Einfach einen Fuß vor den anderen setzen. Muß in kleineren Einheiten denken, nicht an ganze Etappen.

Um 8:00 Uhr Aufbruch. Es ist noch ruhig auf dem Zeltplatz. Am Rande des Gebietes von Landmannalaugar hatte ich eine tiefe Furt in Erinnerung, aber ein schmaler Fußgängersteg erspart mir ein verfrühtes Fußbad. Körperlich fühle ich mich nicht ganz "extra" aber es geht auf der Piste flott voran. Der Wind ist zwar kalt, dafür aber nicht sehr stark und kommt von hinten. Am Frostastaðavatn erwischt mich der erste Schauer. Na gut, dann eben das Regenzeug überziehen! Im Eifer des Umziehens übersehe ich, daß schon fast wieder aufgehört hat zu regnen. Auch gut, dann bin ich wenigstens schon gerüstet für den nächsten Guß, der von Südosten naht. Keinen Kilometer weiter ist die Sonne wieder da, sagt April, April und ich fange in den Überhosen an zu kochen. Islandwetter! Also nochmal Rucksack runter und die Überhosen wegstecken. Den Anorak behalte ich als Zugeständnis an meinen Schnupfen an. Es bewährt sich und dabei bleibt es dann auf wäherend des ganzen, restlichen Tages.

Ich komme wirklich gut vorwärts. Die anfänglichen Unpässlichkeiten und Unsicherheiten sind gewichen, das Selbstvertrauen ist wieder da. Die Landschaft ist durchweg wüstenhaft - schwarzer Sand, kahle Bergkuppen. Dem nahen Kratersee Bláhylurpollur, zu dem ein kurzer Abzweig führt, statte ich keinen Besuch ab, denn im morgendliche Gegenlicht geben die bunten Kraterwände noch nichts her. Hier braucht man Abendlicht! Die Landschaft weitet sich und die Piste führt kilometerweit geradeaus. Aber das kenne ich - nur nicht beeindrucken lassen, sind nur Einschüchterungsversuche. Ein gutes Stück westlich der Piste, fallen mir in weiten Abständen stehende kurze Holzstangen auf. Ich vermute einen Reitweg oder auch den Winterweg von Sigalda nach Landmannalaugar.

Ein Geländewagen kommt mir entgegen. Weit vor der Begegnung, hält er an, der Fahrer springt heraus, zückt den Photoapparat mit dem Teleobjektiv und ich werde beknipst wie der Geysir. Wow - muß ich eindrucksvoll unter meinem Rucksack aussehen! Schließlich wird die Schußentfernung zu kurz und der Photograph geht zu freundlichen Kontaktaufnahmeverhalten über. Ein Paar aus Holland mit ihren erwachsenen Sohn. Ich bekomme einen Kaffe mit Zucker und Milch als Modellgage angeboten. Der Mann ist wohl im verdienten Ruhestand: Anreise nach Island per Segelyacht (2Master "Terra Nova" - siehe CrewPullover) via Schottland und dann in 4 Tagen herüber nach Island! "It was not allways fun ...". Seine Aussagen bestätigen meine Ansicht über die Gemeinsamkeiten vom Segeln mit meiner Art des Wanderns. Nette Leute und angenehme Kaffeepause.

Nächste Begegnung: Ein Paar aus dem Badischen, schon jenseits der fünfzig. Sie sind mit dem Mountainbike unterwegs und genießen offensichtliche auch jede Gelegenheit für ein Schwätzchen. Sie bedauern es doch relativ wenig von der Landschaft zu sehen, weil sie beim Radeln ihre Augen und ihre volle Aufmerksamkeit auf die Piste richten müssen. Überrascht mich etwas, aber leuchtet ein - einmal einen Stein richtig falsch angefahren und hops!

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(71 KB)on the raod again ...

Begegnung die Dritte: wieder das Photospiel - diesesmal aber ein Profi. Zwei Journalisten aus München. Sie macht die Story, er Photograph und Italiener die Bilder. Reisereportage über Island - der Arbeitstitel wohl so ungefähr: "Das Land der Trolle und Elfen". Ich werde ausgiebig abgelichtet und frage mich nur, welcher der beiden obigen Gattungen sie mich zuschlagen? Habe ihnen die Geschichte von den Meerkühen erzählt. Sie wollen mir die Bilder schicken - mal sehen.

Weiter keine Unterbrechungen mehr beim Kilometerfressen, aber reger Verkehr: wenigstens ein Auto pro halbe Stunde! Mit dem GPS habe ich mein Vorankommen schön im Griff. Wenn ich es etwa alle halbe Stunde anschalte, dann findet es die Satelliten von der letzten Position gleich wieder und zieht dadurch bei der Suche weniger Strom als nach einer längeren Pause.

An der Stelle, an der sich die Piste der Tungnaá nähert, stehen noch auf beiden Seiten des Flusses die ehemaligen Fährhütten an der Bjallavað. Die Längswände sind aus Lavabrocken aufgeschichtet und und eher notdürftig überdacht. Die Tungnaá ist breit, führt ziemlich viel trübes Wasser und lädt nicht unbedingt zum Furten ein. Kaum vorstellbar, daß hier in der Nähe die ersten Autos, die den Sprengisandur befuhren, diese Furt benutzten.

Die Piste führt weiter, immer nach NNW. Ab und zu zwingen sie aus dem Sand auftauchende Lavarücken zu einem kleinen Ausweichmanöver um gleich wieder zur schnurgeraden Hochspannungsleitung zurückzukehren. Die Masten weisen mir den Weg zum Kraftwerk Sigöldustöð, meinem Tagesziel. Aber noch verlieren sich die Masten irgendwo dort in der Ferne und ich muß noch dieses Lavafeld abarbeiten. Es ist mittlerweile Nachmittag und ich such mir irgenwelche markanten Lavaformationen als Nahziele über die ich mich weiterhangeln kann. Die Müdigkeit, die sich langsam ausbreitet ist eher psychisch. Das Wetter könnte kaum besser sein. In den Bergen, die ich hinter mir gelassen habe, hängen bläulich einzelne Regenfahnen aus den Wolken. Aber hier über der Ebene sind es nur flache, freundliche Cummulanten deren schnelle Schatten mich überholen.

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(71 KB)Bei Sigalda

Nach etwa 8 Kilometern dann der Aufstieg zum Höhenrücken Sigalda. Von dort schöner und weiter Blick über den Stausee Hrauneyarlón und nach Westen in das Gebiet westlich der Þjorsá das ich letztes Jahr durchwanderte. Die Kerlingerfjöll, weiter nördlich, leider durch dunkle Wolken und Regen fast ganz verdeckt aber Teile des Hofsjökull sichtbar. Das wichtigste aber: unmittelbar vor der Brücke am Kraftwerk zeigt ein breiter Streifen saftig grüner Vegetation einen Bachlauf an. Der Platz hält was er aus der Ferne versprach. Der absolute Luxus, weiches Gras bildet ein dickes Polster unter dem Zeltboden und der kleine Bach führt klares Wasser. Um 16:15 Uhr steht das Zelt perfekt im "schwachen" Wind. Erst Wasser holen, dann Dösen bei offenem Zelteingang. Wäre alles wunderbar, wenn ich mir nicht so einen sakrischen Schnupfen eingefangen hätte! Aufzeichnungen in der Sonne vor dem Zelt, dann draußen Abendessen gekocht (Rizi Bizi mal wieder), Kaffee und eine halbe Ritter Sport. Im Zelt weitergeschrieben, da doch zu kühl. Werde früh schlafen, hoffentlich komme ich morgen auch so gut voran.


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11. Tag: Sigalda