20. Tag, Áfangagil - Stöng

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Dienstag, 30 Juli 2002


Draußen ist es naß. In der Nacht muß es wohl geregnet haben. Der Himmel ist noch bedeckt mit einzelnen Wolkenlöchern. Leichter Südwind. Kurze 14 km stehen heute auf dem Programm. Also los.

Der erste Schlag 7 km weglos geradeaus über die Ebene nach Norden zur Brücke. Als Peilpunkt brauche ich nur auf einen auffälligen Kraftwerksbau am Hang hinter der Brücke zuhalten. Ich verlasse das kleine Tal der Áfangagil über einen flachen, sandigen Schwemmfächer und komme in ein in schwarzem Schlackensand ertrunkenes Lavafeld. Zuerst begleiten mich noch mit schütterem Strandhafer bewachsene Dünen, dann bleiben sie zurück und ich gehe meist über plattige Lava. Die Mulden zwischen den flachen Rücken sind mit schwarzem Sand gefüllt. Zur Žjórsá hin liegt mehr und mehr heller Bimsstein auf dem Aschensand. Kreuze die Piste 26 zum Sprengisandur. Schnurgerade zieht sie nach Nordosten. Aus der Ferne sah ich zwei Fahrzeuge, die eine hunderte von Meter lange Staufahne hinter sich herzogen. Habe ein schlechte Gehmoral heute. Oft sind es gerade die vermeintlich kurzen Strecken die mehr Motivation forden als die längeren. Heute macht es keinen Spaß. Einfach dröge die Gegend hier.

Kraftwerkskanal
Die Brücke über die Žjórsá führt nur über ein breites, mit einheitlich dunkelgrauen, rundgeschliffenen Steinen gefülltes und fast trockenes Flußbett. Wenige hundert Meter weiter ein zweite Brücke über einen tief in den Fels gesprengten Graben mit dem Ablauf eines neuen Kraftwerks am Südhang des Bláskógar. Hier fließt also das Žjórsáwasser. Die ganze nähere Umgebung ist umgepflügt, zerwalzt und planiert. Schüchterne Versuche einer Wiederbegrünung sind erkennbar, aber das bißchen Boden, das es hier einmal gab ist verschwunden. Finde einen kleinen aber einigermaßen naturbelassenen Flecken auf dem ich mich niederlasse und drei Müsliriegel als Mittagessen mampfe. Finde erste, frühe Heidelbeeren. Sie sind leider noch nicht reif genug, zwar schon blau, aber noch ohne Geschmack. Es sieht zwischendurch ernsthaft nach Regen aus. Es bleibt bei einigen wenigen Tropfen. Die Straße (32) Richtung Búrfell ist geteert und auf mindestens 5 Kilometer schnurgerade. Nur wenige Autos sind unterwegs. Auffallend der Lärm, den die überbreiten und grobstolligen Geländereifen der isländischen Superjeeps machen, wenn diese mit durchgetretenem Gaspedal dahindonnern.

Ich erinnere mich, daß weiter im westlich, parallel zu dieser Straße, ein zweiter Weg verlief den ich vor sieben Jahren gegangen bin. Als ich dann 1998 wider hier war, waren dann die Arbeiten an dem Kanal zum Bjarnalón im vollen Gange. Ich suche nach diesem Weg und gehe über den spärlich bewachsenen Schlackensand. Auf Höhe der Hütte Hólaskógur, die nur etwa einen Kilometer weiter westlich liegt, stoße ich dann auf die Piste, an die ich mich erinnerte. Ein Wegweiser deutet nach Norden zum Háifoss und einer nach Süden zur Gjáin. Die Piste quert nun ein hügeliges Lavafeld und wird damit etwas abwechslungsreicher. Im Vorbeigehen werfe ich einen Blick auf die Wasserfälle der Raušá die in einer Schlucht versteckt sind (daher der Name Gjáin: "die Schlucht") und verspreche mir am Nachmittag wiederzukommen. Beim kurzen Abstieg ins Tal der Raušá überholt mich nun schon zum zweiten Mal ein Bus mit amerikanischen Rentnern. Bin wieder auf meinem alten Zeltplatz unter einem Birkengebüsch auf einer kleinen Wiese am Ufer der Raušá. Direkt gegenüber liegt auf einem Hügel die Ausgrabungsstätte des Hofes Stöng aus der Sagazeit. Er wurde 1180 nach einem Vulkanausbruch der Hekla aufgegeben. Seine Überreste blieben unter Bims- und Aschelagen erhalten und ermöglichen es heute einen Eindruck von der Bauart und Lebensweise auf einem Hof der Sagazeit zu erhalten. Nach den Funden von Stöng ist dieser Hof einige Kilometer südlich am Skeljafell rekonstruiert worden.

Gjáin
Es ist 14:00 Uhr, das Zelt ist eingerichtet und wie üblich lasse ich keine Hektik aufkomen, also erst mal futtern und das obligatorische Nickerchen. Zwei Stunden später raffe ich mich dann zu einem ausgiebigen Photospazierang auf. Ich gehe am Ufer der Raušá hinauf in den Kessel der Gjáin. Von oben hatte ich schon einen ersten Blick auf die beiden Wasserfälle, deren beiden Bäche sich dann im Grund der Schlucht zur Raušá vereinen, aber erst unten entdeckt man die vielen klaren Quellen, die Höhlen und Steinbrücken. Überall rauscht, gurgelt und plätschert es. Dazu komt noch eine üppige Vegetation mit Engelwurz, Birken und Weidenröschen. Leider gibt die Sonne nur einige wenige, minutenweise Gastspiele. Fast zwei Stunden kang durchforsche ich jeden Winkel und immer wieder durchwate ich den Bach. Auf dem Rückweg finde ich drei schöne, große Birkenpilze. Damit ist das Menue für heute Abend klar: Spaghetti mit Pilzen und Käsesauce! Am Abend noch kurz die überdachte Ausgrabungsstätte besichtigt. Leider fehlt hier vor Ort jegliche Erläuterung. Nur am Parkplatz gibt es eine Infotafel.

Raušá
Außer meinem Zelt steht nur ein Wohnmobil etwa hundert Meter weiter und von ein paar Birkenbüschen verdeckt. Gute Vorraussetzung für eine ruhige Nacht. Habe mich nach längerem Zögern doch noch entschlossen ein Bad in der Raušá zu nehmen. In einem tiefen Gumpen bei der Brücke bis zu den Schultern eingetaucht, drei-, viermal tief durchgeatmet und dann blitzartig aus dem eiskalten Wasser herausgeklettert und abgerubbelt und schnell zurück in den vorgewärmten Daunenschalfsack. Herrlich!


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