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21. Tag, Ólafsfell - Arnarfell

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Copyright © Dieter Graser

Samstag, 28. Juli 2001


Der Wecker war auf 5:00 Uhr gestellt. Es scheint trocken zu sein. Ein Sonnenstrahl fällt auf das Zelt. Dennoch, am Himmel hängt eine fast geschlossene Wolkendecke. Habe gerade den Schlafsack verpackt, als es wieder ordentlich auf's Zelt trommelt. Aber auch dieser Schauer geht vorüber.

Um 7:30 Uhr breche ich endlich auf. Nur wenige hundert Meter weiter kommen einige Schmelzwasserbäche des Nauthagajökull, die über einige große Steine überschritten werden können. Ich bin jetzt direkt unter dem Hjartafell. Die jeweils von links und rechts, schräg den Hang herunterlaufende alten Seitenmoränen des Nauthagajökull und des Múlajökull treffen sich genau in der Mitte des Berges und machen in ihrer eigenartigen Form deutlich, warum dieser Berg den Namen "Herzberg" erhalten hat. Stoße auf eine etwa zwei Meter hohe, numerierte Alustange. Richtung Múlajökull endecke ich 2 weitere diese Stangen. Dienen sie als Referenzpunkte zur Gletschervermessung?

Hier muß ich mich über meinen Weiterweg entscheiden. Der alte Arnarfellsvegur geht am Außenrand des Endmoränekomplexes entlang und beschreibt der Form der ehemaligen Gletscherzunge folgend einen fast perfekten Kreisbogen von etwa 200°. Auf diesem Weg werde ich vermutlich etliche Schmelzwasserbäche furten dürfen und zu guter Letzt kommt ganz im Norden der Hauptabfluß des Múlajökull. Auf den Karten sind die Gewäser ziemlich gleichwertig eingezeichnet aber die Luftbilder zeigen deutliche Unterschiede. Sebastian bezeichete die Furt über den Innri-Arnarfellskvísl aufgrund des Treibsandes als "tückisch". Meine Alternative ist gleich auf das Eis des Gletschers zu gehen und mir damit die ganzen Furten zu ersparen. Wie erhofft ist das Eis des Múlajökull in den unteren 100 - 150 Höhenmetern fast frei von tiefen Spalten und ähnlet in seiner Oberfläche eher einer Elephantenhaut. Zumindest gilt das für den Bereich, den ich einsehen kann. Ich entscheide mich also für den Weg über das Eis.

Die Moränen sind gut zu queren, aber zwischen mir und dem Gletscher liegt noch eine Reihe von kleineren Eisrandseen. Der Bach, der den ersten mit dem zweiten See verbindet, ist nur wenige Meter breit, aber ziemlich tief. Zwanzig Meter vor dem Eisrand ziehe ich, auf einem Basaltblock sitzend, die Bergschuhe wieder an und befestige die Grödel. Dann spüle ich am Bach noch den Gletscherlehm von meinen Furtsandalen, denn schließlich will ich mir den Rucksack nicht eindrecken. Trotz einschlägiger Erfahrung und obwohl der Boden recht zuverlässig aussah, schaffe ich es drei Meter vor dem Eis mit beiden Füßen bis weit über die Waden in grauem Schlamm zu versinken. Ich werfe mich schnell nach hinten und sitze wenigstens mit dem Hintern auf festem Grund. Schöne Sauerei! Puhle zumindest den gröbsten Kies aus den Stiefelschäften. Zweiter Anlauf mit etwas mehr Vorsicht. Über ein paar zweifelhafte Felsbrocken balancierend betrete ich das feste Eis.

Múlajökull
Wie erwartet geht es auf dem Eis wunderbar voran. Die Oberfläche des Eises ist eben, nur ab und zu müssen ein paar Spalten umgangen werden. Die Struktur des Eises ist grobkörnig und es ist von Sand und feinem Schutt durchsetzt. Die Grödel, kleine vierzackige Leichtsteigeisen, greifen verläßlich, sobald man sich darauf eingestellt hat, daß eben nur die Mitte der Schuhsohle "Griff" hat. Ich halte mich 50 bis 100 Höhenmeter über dem Eisrand und habe somit einen schönen Überblick über Möränen und den ganzen "glazialen Formenschatz". Der Gletscher, der sich wie ein Fladen in das Vorland schiebt, gehört sowieso als Vorzeigeexemplar in jedes Lehrbuch. So hat das also mal ausgesehen im Alpenvorland. Schon während meines Geographiestudiums hatten mich die Luftbilder dieses Gletschers, aufgrund seiner perfekten Form, fasziniert. Der Múlajökull hat mich seither nie mehr ganz losgelassen. Das ist nun schon mehr als 15 Jahre her und heute wandere ich auf dem Eis des Múlajökull und schreite Schritt für Schritt in einem riesigen Bogen eben diese perfekte Form ab. Es ist schon ein besonderer Moment für mich.

Múlajökull
Immer wieder muß ich einen weiten Schritt über eine der zahlreichen Schmelzwasserrinnen machen. Da ich mich auf einer konvexen Fläche bewege reicht meine Sicht nur etwa 200-300 Meter voraus. Bin ich gespannt ob vielleicht eine größere Spaltenzone auftauchen könnte. Nach etwa 2/3 der Wegstrecke mache ich eine Pause und spüle den gröbsten Schlamm von den Stiefeln. Mit kalten Windböen und kräftigen Regenschauern treibt mich eine Regenfront weiter. Nun können die Schmelzwaserrinnen das zusätzliche Wasser nicht mehr fassen und überall schießt das Wasser grugelnd und zischend über die geneigte Eisfläche dem Gletscherrand zu. Graupel prasselt von schräg hinten gegen die Anorakkapuze. Endlich bin ich soweit im Kreis herum, daß sich der Arnarfell über den Eishorizont schiebt. Jetzt wird es langsam spannend. Auf den Gletscher zu kommen war nicht besonders schwierig. Mit dem Weg über das Eis habe ich mir einige Furten gespart, aber irgendwo muß ich auch wieder herunter. Am Nordrand des Múlajökull entspringt sein mächtigster Abfluß, der Arnarfellskvísl und der führt, wie ich jetzt schon sehen kann, mächtig viel dunkelgraues Schmelzwasser. Die einzige Möglichkeit den Fluß zu furten wäre wohl weiter draußen im Vorland. Wird es möglich sein oberhalb des Gletschertores über das Eis zu queren? Wie wird es dort aussehen?

Arnarfell
Meine Rechnung geht auf. Mit Annäherung an die den Gletscher begrenzende Felswand der Jökulbrekka nehmen die Spalten zu und zwingen mich zu ein paar Umwegen, aber der Übergang zur der an die Jökulbrekka geschobenen Seitenmoräne ist dann ziemlich unproblematisch. Etwa zweiundert Meter oberhalb des Quellbeckens des Gletscherflusses wechsle ich vom festen Eis in den lockeren Schutt der steilen Randmoräne. Mehr als einmal bin ich kurz davor wieder auf dem Gletscher zu landen, als die dünne Schuttauflage mitsamt mir auf dem Eiskern abzurutschen beginnt. Endlich weicht die Felswand zurück und ich komme auf stabileren Untergrund. Am Quellbecken des Gletscherflußes wasche ich meine Grödel und verstaue sie wieder. Wie oft an flach auslaufenden Gletschern hat sich hier kein sichtbares Gletschertor gebildet sondern das Wasser drückt mit Macht aus einer unter dem Waserspiegel des Quellbeckens liegenden Öffnung des Eises hervor Der Kessel von etwa 25 Meter im Durchmesser ist in wilder Aufruhr. In seiner Mitte drückt sich der schmutziggraue Schwall, senkrecht von unten kommend, bis zu einem Meter empor. Es ist ein eindrucksvolles Schauspiel.

Quere nun über ein mit arktischen Weidenröschen bedekten Schwemmfächer hinüber zur grünen Südostflanke der Arnarfells. Auf einer Terrasse am Fuß des Berges schlage ich mein Zelt unweit einer Quelle auf. Es ist kurz nach Mittag. Das Wetter hat sich nach den morgendlichen Regenschauern stabilisiert und nur noch ein paar einzelne, weiße Haufenwolken segeln am Himmel.

Valdimar
Zu meiner Überraschung entdecke ich weit draußen in der Ebene ein paar sich langsam bewegende, bunte Punkte. Nach längerer Beobachtung bin ich mir sicher, daß sich dort eine kleine Gruppe von Wanderern auf den Arnarfell zubewegt. Neugierig, wie ich bin, gehe ihnen entgegen. Die Wanderer haben nur Tagesgepäck dabei und ein Hund ist bei ihnen - es müssen wohl Isländer sein. Wie um mein inzwischen gefestigtes Vorurteil zu bestätigen, finde ich unter der achtköpfigen Gruppe drei mir bekannte Gesichter: Valdimar, der Hüttenwart von Žverbrekknamúli, seine Frau und ihr Hund Lóran. "I am sorry that we are disturbing you again" lacht Valdimar entschuldigend und spielt darauf an, daß er vor fast genau vor einem Jahr erst gegen 23:00 Uhr zur Hütte Žverbrekknamúli kam als ich mich, als einziger Gast, gerade in den Schlafsack zurückgezogen hatte (es wurde noch ein netter Abend!). Heute lerne ich dafür noch seine 2 Töchter (beide Geographinnen) kennen, von denen er mir damals berichtet hatte. Die Gruppe hat heute Morgen mit einen kleinen Schlauchboot über die Žjórsá übergesetzt und sie wollen noch den Arnarfell besteigen. Hund und Frauchen bleiben aber am Bergfuß zurück, da Lóran mit einer wehen Pfote humpelt und traurig winselt. Leiste den beiden noch etwas Gesellschaft, muß dann aber wieder zurück zu meinem Zelt und um das sonnige Wetter zum Schlafsack lüften und Wäsche trocknen zu nutzen.

Valdimar
Bei ihrer Rückkehr vom Gipfel des Arnarfell treffe ich mich wieder mit der Gruppe. Diskutiere mit der einen Geographin über den Tourismus im Hochland usw. Valdimar ist ganz stolz über das Bild von "seiner" Hütte im Internet. Das war wirklich ein sehr nettes Treffen - nicht nur wegen den Mädels. Wir verabschieden uns und die Isländer machen sich wieder auf den Weg zu ihrem Schlauchboot an der Žjórsá. Gehe zurück zum Zelt und photographiere noch ein wenig Blumen und Pflanzen. Nach dem Abendessen gehe ich ein Stück den Hang hinauf und genieße die Ausssicht über die Žjórsárver und den Sprengisandur. Während den abendlichen Aufzeichnungen pritschelt ein Regenschauer auf das Zelt.


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