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31. Tag, Ytri Lambá - Réttarkot

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Copyright © Dieter Graser

Dienstag, 7. August 2001


Um 6 Uhr kurzer Bilck nach draußen: Nebel. Bis halb acht weitergeschlafen. Aufbruch dann wie üblich zwei Stunden später. Der Weg führt das sehr flache Hochtal, das eigentlich nur eine leicht eingedellte Hochebene ist, hinaus. Auch heute ist die Fernsicht ausgezeichtnet. Mein Tagesziel, die Hütte ist schon zu sehen und am Horizont erkennt man die Dampffahnen der Geothermalkraftwerke am Mıvatn. Das sind mal eben 50 -60 km Luftlinie!

Der Abstieg in das Tal der Skálfandafljót ist nicht so steil wie befürchtet und gestaltet sich "knieschonend". Nach kurzer Wegstrecke haben auch meine Gedanken ihren eigenen Weg gefunden - sie drehen sich nur ums Essen. Obwohl ich gut gefrühstückt habe - so gut oder schlecht wie immer eben. Ich habe Hunger - Riesenhunger. Ich habe einen solchen Appetit auf ofenffrisches, knuspriges Brot, daß ich es greadezu riechen kann. Frische Brezen, Schinken, Käse! Kaninchen in Weißwein-Dijonsenfsoße! Mit Pflaumen gefüller Schweinebraten! Meine Fressphantasien werden zu Visionen. Das ist mir noch nie passiert. Schön langsam wird es Zeit, daß ich das Tütenfutter absetze und wieder was "richtiges" auf den Teller bekomme. Zum Abendessen werde ich wohl Kartoffeleintopf machen müssen, der pampt alles nieder.

Am Fuß des Berges ist die klare, knietife Krossá zu furten. Oben war es empfindlich kalt und ich hatte schon überlegt ob ich nach den Handschuhen kramen soll. Hier unten ist es schon deutlich wärmer und die Sonne versüßt mir die Furt. Ein Jeep - das erste Auto seit zwei Tagen - mit zwei Anglern kommt mir entgegen. "Alles ok?" - aber klar doch! Zwei Kilometer weiter die Furt durch die flache Sandmúladalsá. Es ist nun Mittag, also reiße ich mir ein paar Fetzen Trockenfisch herunter und kaue mir meine kulinarischen Visionen durch. Noch 9 km bis zur zur Hütte Réttarkot. Die sandige Piste führt über den flachen Talboden, der nichts anderes als ein verlandeter Stausee ist. Die "Staumauer" wurde von dem Lavastrom nördlich der Hütte gebildet.

Heute habe ich, wie häufig nach schwierigen Tagen, keine "Gehmoral". Habe heute Morgen das eigentliche Hochland verlassen. Kommt jetzt mal wieder der berüchtigte Talhatscher? Gegen 14:00 Uhr erreiche ich die Hütte von Réttartorfa. Weiträumig abgezäunt bildet sie eine Oase mit saftig grünem Gras. Eine Schaffamilie hat trotzdem einen Hintereingang zu diesem Paradies gefunden. Es ist zwar noch recht früh am Tag, aber gegen eine Hüttenbesichtigung und ein Päuschen habe ich nichts einzuwenden. Die Hütte ist groß, hell, praktisch und doch gemütlich - was will man mehr. In der Ecke sogar eine Ledercouch mit Kaffeetischen. Eigentlich wollte ich heute wirklich noch ein paar Kilometer gehen, aber ob ich da klares Waser finden werde ist nicht so sicher. Die Hütte hier ist zu verlockend - hier bleibe ich. Ich fläze mich auf die Couch und schmökere im Gästebuch.

Réttarkot
Ein Eintrag im Gästebuch der Hütte löst mir das Rätsel der dritten Spur. Sie stammt von einem Xavier aus Frankreich, der hier übernachtet hat. Er ist von Hella aus in 13 Tagen bis zur Hütte Réttarkot gewandert und wollte weiter über den Mıvatn bis zur Nordküste. Allerdings schreibt er, daß ihm wohl langsam das Essen knapp wird. Ansonsten hat ein weiterer Franzose, Thierry aus Sannois, seit fast zehn Jahren ein (fast) exklusives Abonnement darauf, der einzige Ausländer hier zu sein. Mit seinen Allrad- und Motorradgruppen ("Raid Askja") kommt er jedes Jahr Ende August hier vorbei. Habe mir den angedrohten Kartoffeleintopf einverleibt und ihn mit der zweiten Hälfte Mousse au Chocolat gekrönt. Werde noch einen Abendspaziergang zu dem Lavafeld machen, welches etwa ein Kilometer unterhalb der Hütte, von Osten kommend das Tal abgedämmt hatte. Nördlich der Hütte steht noch eine Sandklippe mit den höchsten Stausedimenten des alten Stausees. Von Norden her weht jetzt ein arschkalter Wind das Tal herauf und ich kehre in die gemütliche Hütte zurück.


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