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14. Tag, Svarthöf­i - Nřidalur

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Copyright © Dieter Graser

Donnerstag, 29. Juli 1999


Auch über Nacht hat sich nichts am Wetter geändert. Strahlend blauer Himmel und kaum Wind - bin ich denn überhaupt noch in Island? Aufbruch um 7:45 Uhr. Steige schnell über meinen kleinen Bach neben dem Zeltplatz und folge der wiedergefundenen, und nun ganz deutlichen Fahrspur dem Fluß entlang nach Norden. Der Blick auf den Fluß beruhigt ungemein, denn der Wasserstand ist seit gestern Abend deutlich gefallen.

Snappadalur

Nach gut einem Kilometer habe ich die Furt am Nordrand des Svarthöf­i erreicht. Die Furt liegt oberhalb der Mündung eines Baches der von Nordwesten her aus dem Snappadalur zufließt. Das Furten ist Routine. Das Wasser ist knietief und ich kann bis auf den Grund sehen. Gestern Abend war das eine trübe Brühe. Nach der Furt verlasse ich die Fahrspur die weiter nach Norden Richtung Vónarskar­ führt Richtung Westen. Mein Ziel ist das Snappadalur um dann über den Paß Göngubrun am Südrand des Tunafells entlang nach Nřidalur zu kommen. Über grauschwarzes Steinpflaster führt mein Weg erst an dem Steilufer des von Westen kommenden Baches entlang. Der Berg Skrauti, der mir schon gestern durch seine leuchtend gelbe Färbung aufgefallen war, zeigt sich jetzt im Morgenlicht von seiner schönsten Seite.

Skrauti

Der Paß, der ihn von seinem schwärzlichen Nachbarn trennt, heißt Tvilitarkar­ - die "Zweifarbenscharte". Kann der Versuchung nicht widerstehen eine Photoserie zu machen. Weiter über festes Kiespflaster südlich an dem einzelstehenden Berg Deilir vorbei, der eine gute Orientierungshilfe bietet. Die Altschneefelder der umliegenden Berge speißen mehrere kleine Bäche zwischen denen sich schüttere Moosteppiche ausbreiten. Die wenigen dazwischen sprießenden Grashalme gaben dem Tal seinen Namen, denn nur hier fanden die Pferde der ersten Besucher dieses Tales etwas "a­ snappa" - nämlich etwas "zu knabbern". Für mehr hat es sicher nicht gereicht.

Snappadalur

Am Hangfuß des Göngubrun mache ich Pause an einem klaren Bach. Das Bachwasser ist fast handwarm und ein leicht schwefeliger Geruch weist auf die heißen Quellen hin, die sich weiter oben am Hang befinden. Langsam steige ich dann bergauf. Hin und wieder gelblich und rötlich verfärbter Boden und weißliche Sinterbildungen. Aber kaum spektakuläre Heißwaseraustritte. Das Auffälligste ist jedoch die üppige Vegetation mit vielen Blütenpflanzen und dichten Rasenpolstern. Exposition, Wasserangebot und vor allem die effektive Fußbodenheizung sorgen für ein Pflanzenwachstum das es hier eigentlich gar nicht geben dürfte. Ein Grund mehr sich genüßlich auf dieser Almwiese in die Sonne zu legen und den Blick über die blendenden Eisflanken der Bá­arbunga und über das sich im Horizont verlierende Eisfeld des Kaldakvíslarjökulls schweifen zu lassen. In der Mitte des sich wie ein weite Bucht öffnenden Snappadalurs liegt die dunkelgraue Masse des Deilir.

Ich habe schon etwa die Höhe seines Gipfels erreicht. Nach meiner Karte müßte mit diesem Hang hier der Anstieg zu Ende sein. Aber nach Westen öffnet sich ein weiter ansteigendes kleines Hochtal mit weiten Schneefeldern. Ich suche meinen Weg über feinen Hangschutt und hellgrauen Sinterbildungen. Überall in den Rinnen kleine Dampf- und Wasserquellen die leise vor sich hin zischen und blubbern. Der Bach, in dem v-förmig eingeschnittenen Tälchen, ist zum großen Teil von Altschnee überdeckt. Finde einen kurze Markierungspflock, der den Wanderweg von Nřdalur aus anzeigt. Am Ende des Tales noch einmal etwa 100 m steil zu einem Paß hinauf. Deutlich sind nun die Spuren des "Weges" zu erkennen. Eine weiterer Pflock markiert schließlich die Paßhöhe selbst. Ein kurzer Blick zurück zur Bá­arbunga und zum Vatnajökull. Nach Westen habe ich nun die Sicht auf den Hofsjökull - er wird nun das nächste Ziel sein.

Jökuldalur

Im Abstieg von der Paßhöhe kommt zuerste eine etwas unangenehme Querung von steilen Altschnee- und grobblockigen Geröllfeldern. Dann folgt der lange, breite Rücken, der den Südrand des Jökuldalurs bildet. An seinem Ende kann ich schon die leuchtend roten Dächer der beiden Hütten von Nřidalur erkennen. Aber man darf sich nicht täuschen lassen. Das sind noch 8 km und zwei ordentliche Gegenanstiege dort hinunter. Der Blick auf den wie in einer Auslage präsentierten Hofsjökull und auf die steile Schlucht Kaldagil, welche mit ihren Gletscher die Südflanke des Tungnafell durchschneidet, bietet Abwechslung genug. Den letzten Berg auf dem Rücken spare ich mir schließlich und steige steil und weglos nach Süden ab. Meine Knie sind nicht gerade begeistert über diese Tortur. Mit jedem Höhenmeter weniger nimmt die Wärme zu. Dann noch über die gewalzte Piste des Behelfslandeplatzes und dann den letzten Kilometer über die staubige Sprengisandurpiste zu der Hütte von Nřidalur. "Sailing home ..." wieder mal habe ich den alten Ohrwurm im Kopf und gröle vor mich hin - solange ich sicher sein kann, daß mich niemand hört. Zieleinlaufstimmung!

An der Hütte angekommen stelle ich meinen Rucksack an einer der Bänke auf der "Südveranda" ab, befreie meine glühenden Füße von den Stiefeln, und lasse mein durchgeschwitzes Hemd in der leichten, warmen Brise trocknen. Barfuß und mit bloßem Oberkörper genieße ich bei einem Tee und einem Müsliriegel den ich aus dem Rucksack krame die Nachmittagssonne und das Ende dieses gelungenen Tourenabschnitts. Auf der "Veranda" sonnen sich noch weitere Gäste, andere liegen faul im Gras oder spazieren botanisierend in der weiteren Umgebung der Hütte. Nach einer Weile legt eine (japanische?) Touristin ihr Buch, in dem sie elesen hat, beiseite, steht auf, kommt zu mir herüber, legt eine Orange aus ihrem Lunchpacket vor mich auf den Tisch, nickt lächelnd und sagt "we have so many". Ich bedanke mich für das Geschenk und wundere mich wie sie wohl erraten hat was mir jetzt wohl am meisten schmecken würde. Es ist schon das zweite mal, daß ich hier in Nřidalur eine Orange geschenkt bekomme. Kleine Gesten die man nicht vergißt.

Etwas später falle ich einer anderen Touristin zum Opfer, die zu einer Gruppe des DAV Summit - Club gehört und mir erzählt wo sie schon überall beim Trekking war - "... aber nur mit Tagesrucksack und so ...". Und am späten Nachmittag werden sie noch eine Bergtour zum Tungnafell hinauf machen und morgen geht es auf einen richtig hohen Berg, aber der Name fällt ihr nicht mehr ein. Allmählich kenne ich die Summit-Clubler ja und rate: "Her­ubrei­?". Nein, der Name sagt ihr nichts, aber ganz berühmt soll er sein, schließlich sind sie ja zum Bergsteigen da. Irgendwie sind mir hier jetzt zu viele Menschen und so entschuldige ich mich Richtung Zeltwiese. Obschon diese vollkommen leer ist baue ich meine Stoffhütte ziemlich weit von den "beliebten" Plätzen auf. Am Wasserhahn seife ich mich erstmal richtig ein. Meine Wasserflasche dient als Ersatzdusche. Dann wasche noch alle gebrauchte Wäsche. Was für eine Wohltat - fühle mich wie ein frisch gepudertes Baby! Besuche dann das junge Hüttenwärtertpaar und richte ihnen die Grüße aus, die mir Karl aufgetragen hat und hole mein Vorratspacket ab das zuverläßig den Weg von Reykjavík hierher gefunden hat. Helfe ihnen noch beim Tische herrichten und einen Vorrat Kaffee kochen. Für heute sind 120 Übernachtungen gebucht! Es ist immer noch hochsommerlich warm und die kleinen Mücken werden ziemlich lästig. Eine größere Reisegruppe mit 40 Amerikanern trifft ein. Alle esoterisch angehaucht. Ihre geplanten Reiseziele in Island haben sie sich "ausgependelt", aber da man mit einem Bus nun mal nicht an Plätze irgendwo abseits jeder Piste oder auf den Vatnajökull hinauffahren kann, haben sie mit einer der üblichen Touren als Ersatzprogramm begnügen müssen. Ihre isländischen Reiseführer versorgen sie dafür aber mit gegrilltem Lamm und später am Abend dann mit "Ghost Stories".

Unterhalte mich am Zeltplatz noch mit 3 Motorradfahrern aus Bad Ems. Eine BMW hat in der letzten Furt Wasser angesaugt und jetzt ist ein Ölwechsel fällig. Der Anlasser scheint auch den Geist aufgegeben zu haben. Sonnenuntergang um 22:30 Uhr. Lese noch ein wenig im Schlafsack liegend und stöpsele mir in weiser Vorausicht dann zum Schlafen die Ohren zu. Es kommen wie immer noch lärmende Nachzügler auf den Platz.


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15. Tag Nřidalur