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16. Tag, Nidalur - Hámri

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Copyright © Dieter Graser

Samstag, 31. Juli 1999


Habe den Wecker überhört (Lärmstop!) und bis gegen 6:30 Uhr geschlafen. Das Wetter sieht ganz gut aus für meine Pläne. Die Sonne ist von einer leichten Cirrenschicht gemildert. Im Süden verdichten sich die Wolken zu einer hohen, grauen Fläche. Der Wind weht leicht von Südwesten. Stopfe mit Mühe alles in den Rucksack, was nicht ganz einfach ist. In der Hütte versuche ich nochmals vergeblich in Dli anzurufen. Marinó versucht es später noch mal für mich. Für die beiden Gespräche will er nichts annehmen. Vor der Hütte lädt eine Gruppe Isländer ihre großen Rucksäcke in einen geländegängigen Bus. Ich frage einen der Isländer, ob sie die Gruppe des Ferafélag Íslands sind, welche die Tour Vónarskar - Jökulheimar gehen will. Er bestätigt dies und etwas später kommt ihr Führer zu mir und wir tauschen Informationen über den Wegverlauf und die Verhältnisse an den Furten aus.

Mein Aufbruch schließlich erst um 9:00 Uhr. Nehme, wie vom Hüttenwart empfohlen die (unauffällige) Piste am Westende des Zeltplatzes. Für den kleinen Bach muß ich allerdings die Siefel ausziehen, da der Rucksack keine großen Sprünge erlaubt. Überhaupt der Rucksack! Er kommt mir mit erneuter Zuladung noch schwerer vor als bei meinem Aufbruch von Landmannalaugar. Diese neue Piste quert 3-4 Kilometer weiter nördlich den Sperngisandur, als die alte Piste, die ich 1996 genommen habe. Diese neue Piste hat aber einen entscheidenden Nachteil für mich: sie verläuft genau nach Westen und biegt erst an der jórsá nach Süden ab - mein Ziel, der neue jórsádamm, liegt aber im Südwesten. So verlasse ich nach etwa 2 km die Piste nach Südwesten und halte als Peilunkt auf den Arnarfell zu. An den Stellen, an denen das Kiespflaster weich ist, sinke ich unangenehm tief in den darunterliegenden Sand ein. Das hohe Gewicht wird jetzt doppelt lästig. Ich gönne mir häufige Pausen, bei denen ich denen ich den Rucksack auf einem der vielen verstreut liegenden Felsblöcke aufstützen kann, ohne ihn abnehmen zu müssen. An entsprechend geformtem "Sitzsteine" gibt es genügend.

Spuren ...

Es sind nur 15 Kilometer bis zur jórsá, aber es ist wieder da, dieses eigenartige, intensive Gefühl der Exponiertheit in der Weite. Alle Sinne sind geschärft. Die Wahrnehmungsfähigkeit ist gesteigert. Ich fühle jede Veränderung des Windes, schmecke die geruchlose Luft und spüre die Nachgiebigkeit des Sandes unter den Füßen mit ruhiger Wachsamkeit. Die archaische Ruhe der Wüste verstärkt das Gefühl des Alleinseins. Allein, reduziert auf die Größe eines Sandkorns. Allein, aber nicht einsam, nicht verlassen. Nur allein eben.

Bei dem mit GPS und Kompass grob angepeilten Vermessungspunkt komme ich auf den alten Weg. Er wird offensichtlich nicht mehr, oder nur noch selten benutzt und ist kaum mehr zu erkennen. Kurz vor Hámyrar treffe ich dann wieder auf die von Norden kommende neue Piste, die ich westlich von Nidalur verlassen hatte. Die Piste ist unangenehm zu gehen - sehr sandig und staubig und durch Pferdespuren teilweise tief aufgewühlt. Um 15:00 Uhr erreiche ich einen netten, kleinen Bach bei Hámyri an dessen Ufern sich auch wieder die erste Vegetation findet. Aus einer verdienten Ruhepause wird der Entschluß doch gleich hier zu bleiben und nicht mehr bis zum jórsádamm weiter zu gehen. Dort ist es sicher nicht so schön wie hier. Etwa 100 Meter unterhalb der seichten Furt finde ich ein perfektes Plätzchen direkt am Bach.

Die übliche kurze Siesta wird zu einem einstündigen tiefen Schlaf. Die wohl etwas zu kurze Nacht und der leise murmelnde Bach haben ihren Teil dazu beigetragen. Etwas die Aufzeichnungen nachgeholt und mir dann einen indonesischen Reistopf gekocht. Kurzer Verdauungsspaziergang bachauf und bachab. Das Wetter hat bis auf ein kurzes, sonniges Zwischenspiel am Mittag von Süden her immer mehr zugemacht. Sogar ein paar Regentropfen sind gefallen. Nun hat der Arnarfell seinen Kopf in den Wolken. Zurück im Zelt weiter an den Aufzeichnungen. Werde heute früh schlafen.


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17. Tag Hámri - jórsárver