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15. Tag, Tómasarhagi - Bergvatnskvísl

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Copyright © Dieter Graser

Donnerstag, 28. Juli 1994


In der Nacht muß ich kurz raus - sollte wohl weniger Tee trinken! Es ist kalt und es regnet nicht mehr. Die tätigkeitsbedingte Überprüfung der Windrichtung ergibt eine Drehung von Südost auf Nordwest! Es tut also sich was. Irgendwann wache ich noch mal auf. Nein, das sind keine Regentropfen, die da so gedämpft, feucht aufs Zelt klatschen. Ich registriere also im Halbschlaf Schnee und kuschele tiefer in den Schlafsack.

Als ich um 6:30 Uhr die Wetterlage peile fällt kein Niederschlag mehr. Die Wolken hängen dicht und niedrig, nur über dem Hofsjökull eine schmale Föhnlücke. Etwa 50 Höhenmeter über mir ist an den Hängen des Tungnafells ein nasser Schnee von der Nacht liegengeblieben. Ich hatte also recht. Doch der Blick zum Hofsjökull erinnert mich an den Morgen an der Sandá, vor zwei Jahren, und ich deute die Wetterzeichen günstig. Später Start um 9:30 Uhr. Muß mich bald dicker anziehen, Mütze und Handschuhe, denn der Nordostwind legt zu und bläst schräg von vorn. Die Piste ist frisch abgezogen und noch ohne neue Reifenspuren. Ich bin lange Zeit allein unterwegs, es ist noch kein Verkehr auf der Sprengisandurpiste. Sprengisandur, kein Sander im eigentlichen Sinne, keine Schwemmebene vor einem großen Gletscher. Etwas bergauf, bergab, eine Wendung nach links und ein Schlenker nach rechts. Steinpflaster, Windkanter, immer wieder Herden großer halbversunkener, halbherausragender Blöcke, Grundmoränenlandschaft. Dann mal ein Vorausblick auf den Pistenverlauf der nächsten 3 - 4 oder mehr Kilometer.

Ich mag diese Situation nicht besonders. Das Überraschungsmoment, das einen Weg kurzweilig und abwechslungsreich macht fehlt. Es teilt lange in kleine, handliche Wegstrecken, von etwa 5 bis 10 Minuten, bis zur nächsten Biegung oder Kuppe und lockt, wie die Karotte den Esel. Statt Häppchen nun überschaubarer Einheiten plötzlich wieder mal ein so ein Brocken. Hier hast du deinen Weg für die nächsten Stunden! Solche ungegliederten Strecken brauchen eine andere Einstellung, sie wollen mental anders "angegangen" werden.

Hochlandbus
Später kommen mir einzelne Fahrzeuge und Busse entgegen. Der Verkehr auf den großen Hochlandrouten hat seine Stoßzeiten, je nach dem wo man sich gerade befindet. Ich bin 20 Kilometer nördlich von Nżidalur. Also kommen mir gegen Mittag die Fahrzeuge entgegen die nach Süden fahren und am Spätnachmittag würden mich die Fahrzeuge überholen die von dort kommen. Aber dann bin ich schon auf der Nebenstrecke. Mein Verhältnis zu den Fahrzeugen ist von der Fußgängerperspektive bestimmt. Ein Kleinbus bleibt mir im Gedächtnis, seine Fahrerin winkt mir im Vorbeifahren fröhlich lachend zu. Eine kleines Geschenk für die Phantasie, eine Ablenkung der "Gedankengänge" in sanftere Gegenden. Das wiegt viele dieser Piloten mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen von "Gušmundur Jónasson" oder "Iceland Safari" auf, die einen sicher von der Piste fegen würden, wenn man nicht vorher schon auf die Luvseite ausgewichen wäre. Andererseits haben aber auch eben diese Busfahrer mein Gepäck immer zuverlässig dorthingebracht, wo ich es brauchte! Die Busse vermindern im Gegensatz zu den Geländewagen ihre Geschwindigkeit im Vorbeifahren meist nicht. Es ist meist das gleiche Bild. Die Reiseleitung auf dem Beifahrersitz liest vom Spickzettel wahrscheinlich etwas von dem gefürchteten Sprengisandur ab, oder zitieren blutrünstige Sagastellen, damit ihnen das Volk hinten nicht bei der Schaukelei einschläft. Ein paar haben den Wanderer als Attraktion entdeckt, machen große Augen, winken vielleicht huhu, aber dann nimmt ihnen die Staubfahne die Sicht - noch 20 Minuten bis zur Pinkelpause und zu den Lunchpaketen! Sie sind eh schon spät dran. Aber was sind 20 Minuten auf dem Sprengisandur? Ich kultiviere meine Befangenheit und das Elitäre des Staubschluckens. Wie gesagt, mein Verhältnis zu Bussen ist zwiespältig.

Sprengisandur
Das Wetter hat gehalten, was ich mir von ihm versprochen habe. Die Wolken haben sich verzogen, es ist klar und sonnig. Allerdings ist es kalt und ich trage den Anorak als Windschutz. Gegen 12:30 Uhr erreiche ich den Fjóršungsvatn, ein ziemlich großer See, jedoch ohne Vegetation an seinem Ufer und nicht sehr einladend. Zwei Kilometer weiter zweigt dann die Piste nach Laugafell Richtung Westen ab. Auf dem Schild steht auch "Eyjafjöršur 75 km"! Mittagspause auf einem Basaltblock an der Abzweigung. Eine gute Portion Haršfiskur und ein makellos roter Apfel aus Nżidalur. Ich verlasse hier die Hauptstraße, es sollten noch 7 bis 8 Kilometer bis zur Furt am Bergvatnskvísl sein. Die Piste besteht nur aus Markierungen und Fahrspuren. Irgendwann sind ein paar Felsbrocken zur Seite geschoben worden, aber dieser Weg wird nicht regelmäßig abgehobelt wie etwa die Sprengisadur- oder die Kjölurpiste. Für den Komfort des Fußgängers macht das allerdings keinen großen Unterschied. Es beginnt recht abwechslungsreich und schlängelt sich über einige flache Moränenhügel. Etwa ein Kilometer weiter südlich, an einer Horizontlinie, eine sehr hohe, konische Steinwarte. Markiert sie den alten Sprengisandurweg? Sehr wahrscheinlich - und gut zu wissen, daß es hier gut erhaltene Warten gibt, schließlich war der alte Sprengisandurweg das Alternativprojekt zu meiner jetzigen Unternehmung. Diese Warte wird mir in einem andern Sommer den Weg weisen.

Dann kommt unvermittelt ein kurzer, steiler Abstieg in eine vollkommen flache, schwarze Kiesebene. Steinwüste, ein Serir in Reinform. Würde man nicht direkt auf einen Gletscher zulaufen, man könnte meinen auf dem Plateau von Tademait in der Sahara zu sein. Die Fahrzeugspuren laufen schnurgerade nach Westen und verlieren sich zusammen mit der Reihe der Markierungspfähle. Ein Blick auf die Karte des Spickzettels bestätigt, daß diese Ebene nicht breiter als 5 Kilometer ist obwohl sie sich recht erfolgreich bemüht endlos auszusehen. In eineinhalb Stunden kann ich da durch sein und dann müßte ich auch schon bald am Bergvatnskvísl sein.

Bergvatntskvisl
Wüstenwandern - ich bin wieder allein, Schritt für Schritt gehe ich auf die flachegewellte Riesenkuppel des Hofsjökulls zu. Das Gefühl zu gehen wird zur Euphorie. Wieder ist sie da diese Exponiertheit. Kletterer finden sie in der Vertikalen, in der Wüste kann man sie in der Horizontalen erleben. Und ebenso wie es die Höhenangst gibt, kann man in der Wüste eine Angst vor der Weite spüren. Wer in einem Allradfahrzeug hierher gefahren wird, aussteigt und sich hundert Meter vom schützenden Auto entfernt, beginnt die Weite zu spüren. Sie wirkt fremd, irreal und bedrohlich, man kann diese Landschaft nicht erfassen, sie entspricht keiner uns in Mitteleuropa vertrauten Umgebung. Unwillkürlich denkt man an die Folgen einer möglichen Autopanne. Als Fußgänger geht man in die Landschaft hinein, es gibt keinen abrupten Wechsel. Seit fast zwei Wochen bin ich nun unterwegs. Ich fühle und vertraue meinem Körper, ich habe meine Beziehung zu dieser Landschaft gefunden die Weite verursacht keine diffusen Angst- und Schwindelgefühle mehr. Ich bin nicht in diese Umgebung versetzt worden - ich erfahre sie, Schritt für Schritt.

Furt
Gegen 15 Uhr habe ich die Kiesebene hinter mir. Es wäre leichter gegangen, hätte ich nicht den Nordwestwind gegen mich gehabt. Das Tal des Bergvatnskvísels ist flach. Ein schöner, klarer Fluß. Im Hochwasserbett schüttere Vegetation, aber immerhin etwas Grün an der Furt. An der Furt begegnet mir dann das zweite Auto seit dem Verlassen der Hauptstrecke. Die Strömung ist mäßig, das Wasser nicht mehr als knietief und wie mir scheint nicht einmal besonders kalt. Am anderen Ufer findet sich bald ein geeignetes Plätzchen für das Zelt. Der Sandboden ist weich und die Sandheringe halten nur schlecht. Wasserholen, kurzes Dösen auf den Schlafsack. Die Sonne durchwärmt das Zelt dabei pfeift der Wind ordentlich ums Gestänge. Dann ein Kaffeechen kochen und im Tagebuch schreiben. Am Abend noch lange in der Prosa Edda von Sturlusson gelesen. Ich genieße den Rhythmus dieser Art des Reisens.