3. Tag, Reykjavík, Žingvellir - Tindaskagi

Inhalt Home

Dieter Graser © 2010

Samstag, 18. August 2007


Der Wecker piepst mich um 6:00 Uhr aus dem Schlaf. Trinke schnell die übriggeblieben Milch von gestern und packe zusammen. Die Nacht war klar, windstill und kalt. Auf Zelt und Gras hat sich ein Reif gebildet. Patschnaß stopfe ich das Zelt in seinen Packsack. Sven ist schon früher fertig als ich. Entgegen den Ankündigungen gibt es um 7:30 Uhr doch einen Shuttlebus zum BSÍ. Nachdem ich meine Fahrkarte für den Bus nach Žingvellir schon gestern gekauft habe ist noch Zeit für ein Frühstück mit Schinkensemmel, Skżr und Kaffee.

Žingvellir
Sommerwetter in Žingvellir. Der Bus macht einen 10-minütigen Photostop an der Almannagjá. Postkartenblick auf die Schlucht, Kirche und See. Unser Bus ist im Moment der einzige auf dem Parkplatz und mit ihm kamen gerade mal ein Dutzend Leute. Sonst zählt man hier eher ein Dutzend Busse und entsprechend tritt man sich hier auf die Zehen. Mich interessiert der Blick nach Norden. Östlich der flachen und völlig regelmäßigen Pyramide des Skjaldbreišur das müßte der Tindaskagi sein. Den Fuß dieses Berges möchte ich heute abend erreichen. Malheur: die Digiknipse fällt mir aus der Tasche und knallt auf dem Weg. Ein paar Kratzer am Gehäuse und verstaubt, aber sonst scheint ihr nichts passiert zu sein - Glück gehabt. Zwei Kilometer weiter Stop am Informationszentrum des Nationalparks Žingvellir. Endstation für mich.

Am Waschbecken der Toiletten fülle ich meine Wassersäcke auf. Vor mir liegt trockenes Lavagebiet. Das Wasser muß bis mindestens morgen Abend, bis zur Hütte am Hlöšufell, reichen. Und ob es dort Wasser gibt, ist ungewiss. Dann muß es auch noch für einen Tag länger reichen. Ich verabschiede mich noch von dem netten Busfahrer und mache mich bei schönstem Sommerwetter auf meinen Weg nach Norden.

Rallye
Der Rucksack hat mit 5l Wasserzuladung und den Essensvorräten für 12 Tage ein gewaltiges Gewicht. Ich schätze ca 37 kg - eher mehr denn weniger. Nach einer Stunde auf der Straße 52 Richtung Kaldidalur erreiche ich den Südausläufer des Ármannsfell. Habe mich schon über die weithin sichtbare Ansammlung von Fahrzeugen gewundert, die dort neben der Straße parkte. Überraschung! Die Straße ist wegen einer Rallye gesperrt! Ich darf trotzdem durch die Absperrung, bekomme aber die strikte Anweisung mit auf den Weg, mich möglichst von der Straße fernzuhalten und immer auf der Kurveninnenseite zu bleiben. Die Rallyefahrzeuge sind ziemlich schnell und laut. Ich höre sie also früh genug kommen und kann mich in Sicherheit bringen. Nur ein himmelblauer Trabbi will da nicht ganz ins Bild passen, obwohl seine Piloten mit Helm und Gegensprechanlage ausgerüstet sind. Um 12:00 Uhr ist der Spuk vorbei. Endlich darf auch wieder der normale Verkehr, der sich angestaut hat, wieder auf die Straße. Allerdings habe ich den Eindruck, daß sich einige Fahrer vom Rallyefieber haben anstecken lassen.

Hófmannaflöt
Am Hófmannaflöt verlasse ich die Piste und passiere ein Gatter. Über einen alten Seeboden mit hüfthohem Gras kürze ich zu einem sich im Nordwesten öffnenden Taleingang ab. Mittagspause auf einem Wiesenrain. Danach weiter zur Gošaskarš. Dieser Durchgang zwischen den beiden Bergen Mjóafell fremra (südl.) und Mjóafell innra (nördl.) ist vom Taleingang nicht sichtbar und ich krame etra noch einmal die Karte heraus um mich zu versichern, daß es da einen Durchschlupf gibt. Im Tal verliert sich der alte Reitweg, dem ich folge, immer wieder in einem trockenen Bachbett. Also steige ich dann etwas zu früh in die versteckte Scharte der Gošaskarš auf. Es sind nur wenige Höhenmeter und schließlich finde ich auf deren Nordseite wieder den Weg. Nun ist es einfacher ihm durch das dick mit Moos bewachsene Lavafeld des Skjaldbreišarharun zu folgen. Der Pfad erreichet dann 3 km weiter an der Westseite der Söšuhólar eine nicht nummerierte Piste welche von der Straße 52 zum Hlöšufell führt.

KTM
Auf dieser Piste quere ich dann einfach südlich der Söšuhólar nach Osten zu der langestreckten Bergkette des Tindaskagi. Auf der Piste überholt mich ein Endurofahrer und hält an. Er erkundigt sich nach meinem Woher-Wohin. wir kommen ins quatschen und er erzählt stolz, daß er mit seinem 9-jährigen Sohn unterwegs ist. Der sei schon ein richtig guter Motorradfahrer und tatsächlich kommt der Stepke wenig später zusammen mit einem dritten Fahrer auf einer Minienduro angebraust. Ich erfahre, daß sie nur in Sandgebieten "offroad" fahren - immer auf der Hut vor Hubschraubern - wer erwischt wird muß 70 000 Kronen zahlen.

Nachdem die Drei eine lange Staubwolke hinter sich herziehend weitergedonnert sind, latsche ich langsam auf den Westhang des Tindaskagi zu. Irgendwo dort am Hangfuß werde ich mir ein Plätzchen für das Zelt suchen. Aber solche Plätzchen, wie ich sie gerne habe, sind hier rar. In der Ebene nur Sand und Kies und von der Bergflanke herunter grobes Geröll. An der Südseite eines weit nach Westen vorspringenden Hanges zieht sich ein Saum von Heidevegetation bis zum Hangfuß. Dort wo dieser fast flach in einen trockenen Schwemmfächer ausläuft finde ich schließlich einen Platz der mir behagt. Leicht geneigt, dafür aber mit dichtem, kurzer und weichen Gras und Heide bedeckt. Baue das vom herbstlichen Morgen noch taunasse Zelt auf und lasse es von Wind und Sonne trocknen. Da es in unmittelbarer Nähe viele Krähenbeeren gibt, schau ich mir die Umgebung näher an und finde auch jede Menge reifer Heidelbeeren. Mein Vitaminbedarf ist für heute gesichert. Das ist der Vorteil, wenn man erst ab Mitte August reist! Schnell habe ich mein Berghaferl voll gesammelt. Das durchsonnte Zelt auf volle Durchlüftung gestellt und ein Nickerchen gemacht. Tatsächlich muß ich 1,5 Stunden geschlafen haben. Zeit für ein Abendessen (Nudeln mit Soja-Bolognese). Anschließend noch ein kleiner Verdauungsspaziergang um den Bergvorsprung herum und einen Blick auf den weiteren Pistenverlauf geworfen. Dann die Aufzeichnungen im Reisetagebuch begonnen. Gegen 22:00 Uhr Schluß gemacht.


Zurück zu Inhalt
nächster Tag