11. Tag, Hvítárnes - Žverbrekknamúli

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Dieter Graser © 2010

Sonntag, 26. August 2007


Pünktlich um 0:15 Uhr - zur Geisterstunde - rumpelt nicht etwa das sagenhafte Gespenst von Hvítárnes in die Hütte, sondern zwei Jäger mit Hund. Ja, ja - es ist Wochenende. Stöpsel mich ab und habe auch meine Ruhe, da die beiden einen anderen Raum in Beschlag nehmen. Wegen der bevorstehenden kurzen Etappe brauche ich keinen Wecker. Bin daher erst um 7 Uhr wach und bereite mein Frühstück. Draußen bedecken niedere Wolken den ganzen Himmel. Es herrscht wieder Südwind. Packe zusammen und werfe noch mein Übernachtungsgeld in die Kasse.

Zum Aufbruch nieselt es, aber was soll's. Hundert Meter oberhalb der Hütte schwenke ich auf den "Alten Kjalvegur" ein. Den Spuren nach war hier vor kurzem eine Reitergruppe unterwegs. Vorbei an der ersten Warte. Bald stößt der Weg auf einen ersten Moorbach. Die Pferdespuren queren ihn an der breitesten Stell, aber als Fußgänger weicht man besser ein wenig nach Osten aus und quert ihn dort, wo aus dem fast stehenden Gewässer eine schmales Rinnsal wird. Das reicht natürlich prompt um den undeutlichen Weg zu verlieren. Da der Kjalvegur in diesem Abschnitt nicht weiter markiert ist, kann man an dieser Stelle ins Grübeln kommen. Dabei braucht man aber nur die allgemeine Richtung und dabei vielleicht eher nach links (Westen) zu halten und auf das Auftauchen der nächsten Warte zu achten. Warten konnten nur gebaut werden wo man auch vor Ort geeignete Steine fand. Im Sumpf- und Heidegebiet nördlich von Hvítárnes fehlte einfach das Baumaterial. Dadurch erklärt sich so manche Lücke in der Wartenreihe welche die alten Reitwege markieren. Nach der 4. Warte trifft der Wanderweg von Hvítárnes auf den Reitweg der von Reiterhütte Árbúš her kommt. Am Boden liegt ein hölzernes Hinweisschild nach Hvítárnes das sicher mal an einem Pflock befestigt war - der ist allerdings verschwunden.

Lóa
500 m weiter wird ein kleiner Bach gequert, der durch 2 große Warten bestens markiert ist, zumal nach hundert Meter eine dritte Warte den weiteren den Kurs angibt. Der Weg ist durch Pferdehufe tief ausgetreten und nicht mehr zu verlieren. Das Wetter hat sich gebessert. Der bleigraue Himmel bekommt Struktur und und helle Löcher. Endlich finde ich wieder Beeren am Wegesrand! Hatte diese Vitaminlieferanten in Hvítárnes wirklich vermißt. Der Goldregenpfeifer (isl.: Lóa), sonst mit seinem Eintonflöten die akustische Dominante auf meinen Hochlandtouren macht sich wohl aufgrund des weit fortgeschrittenen Sommers, der schon deutlich herbstliche Züge trägt, rar. Um so erfreulicher, daß sich doch ein Exemplar hören läßt und auch neugierig und ungewöhnlich zutraulich näherkommt.

Wanderer
Der Weg führt nun nahe dem rauschenden Gletscherwasser des Fúlakvísl entlang. Deutlich ist erkennbar, wie der Fluß von dem relativ jungen Lavafeld des Kjalhraun an den Hangfuß des flachen Kegels der Baldheiši gedrängt wurde. Habe auf dem Weg die Position von wohl allen deutlich erkennbaren Warten mit dem GPS aufgenommen und versuche so den Weg zu dokumentieren. Um 11:30 Uhr mache ich eine kleine Pause mit Tee und Müsliriegel. Das Wetter hat sich inzwischen deutlich gebessert und ich kann die Softshellhose gegen meine leichtere Berghose wechseln. Auf dem Weiterweg kommt mir ein junges Paar aus Frankreich entgegen und wir quatschen sicher 20 Minuten lang miteinander - ich bin der erste Wanderer der ihnen seit Hveravellir begegnet ist.

Gljúfur!
Auf dem Weiterweg kann ich schon mal kurz von Weitem das rote Dach der Žverbrekknamúli-Hütte sehen, aber dann versteckt es sich wieder hinter flachen, flechtenüberwachsen Lavarücken. Der Weg hat sich vom Fúlakvísl entfernt. Die Lava hat das Tal vor dem Hrútfell abgedämmt und der Fúlakvísl bildete dort nach Erkalten der Lava einen Stausee, der inzwischen längst verlandet ist. Übrig blieb eine Schwemmebene des Fúlakvísl welche von Zeit zu Zeit von einem Hochwasser überflutet wird.

Žverbrekknamúli
Schließlich ziehen zwei auffallende Warten die Aufmerksamkeit auf sich. Die kleiner, südliche Warte trägt ein etwas verblasstes Achtungsschild "Gljúfur!" (heißt: "Schlucht!"). Die 2005 wieder erneuerte Brücke befindet sich etwa 50 m westlich der Warten und sollte eigentlich nicht zu verfehlen sein. Der weitere Weg von der Brücke zur Hütte Žverbrekknamúli ist mit Markierungstangen dann schon fast überdeutlich gekennzeichnet. Ich komme gemütlich um 14:00 Uhr an der Hütte an. Die Sonne scheint und nur der frische Südwind hindert mich auf der Hüttenveranda Brotzeit zu machen. Das Innere der Hütte ist geräumig und gut ausgerüstet. Das große Fenster nach Süden macht den Raum hell und freundlich und die Sonne heizt den Raum auf behagliche 20°C auf. In Hvítárnes dagegen hatte ich fast permanent kalte Füße. Seit meinem letzten Besuch 2000 ist ein Wasch- und Toilettenhaus dazugekommen. Als Folge des trockenen Sommers funktioniert allerdings die Wasserversorgung dort nicht mehr. Dennoch verichtet die Wasserpumpe in der Hüttenküche trotz gegenteiligem, dreisprachigen Hinweis klaglos ihren Dienst.

Heidelbeerernte
Mache eine Spaziergang zu einem Hügel Richtung Hrútfell. Dort hat sich die Heide auffällig rot verfärbt. Mein Verdacht wird bestätigt und ich stoße auf ergiebige Heidelbeergründe. Der Wind hat nachgelassen und so sitze ich nachher mit meiner reichen Beute vor der Hütte und genieße die Abendsonne.

Um 19:00 Uhr geht schließlich die Sonne hinter dem Hrútfell unter. Zum Abendessen gibt es Boeuf Stroganoff, etwas Nougatschokolade, Espresso und zum Abschluß Heidelbeeren. Erledige die Aufzeichnungen mit Blick auf den Hrútfell, den Hausberg der Hütte. Bemerke als nettes Detail, daß der vierarmige Kerzenleuchter, den ich anzünde, mir schon vor 10 Jahren den Aufenthalt verschönert hat und er mich nun an die beiden Winternächte erinnert, die ich hier verbracht habe. Der Mond geht als große Scheibe über dem Innri Skúti auf.


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