12. Tag, Žverbrekknamúli - Žjófadalir

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Dieter Graser © 2010

Montag, 27. August 2007


Schlecht geschlafen. Lag's am späten Kaffee? Mondsüchtig will ich ja nicht sein. Um 1:00 Uhr kurz vor die Hütte gegangen. Trotz nieder am Himmel stehenden Vollmondes erkennbares, grünes Nordlicht über dem Hrútfell und über dem Nordhorizont. Ohne das störende Mondlicht wäre es sicher eine prächtigeres Schauspiel gewesen.

am Morgen
Bin kurz vor 6:00 Uhr wach. Erste rosa Verfärbung auf dem Gletscher des Hrútfell. Kein Wind, wolkenloser Himmel. Das Außenthermometer der Hütte zeigt -2°C an; innen hat es +10°C. Eine halbe Stunde später haben die ersten Sonnenstrahlen die Hütte erreicht und sie wirft einen langen Schatten. Es verspricht ein schöner Tag zu werden - ideales Bergwetter! Frühstück mit Heidelbeermüsli, gepackt, Übernachtungsgebühr in die Kasse geworfen, Hütte aufgeräumt und verschlossen. Aufbruch um 7:00 Uhr.

Morgenreif
Nehme den Weg westlich über die Múlar. Den eigentlichen 'Alten Kjalvegur' werde ich 4 km weiter nördlich wieder erreichen. Die Variante über die Múlar ist abwechlugsreicher und biete einen schönen Blick auf das Kjalhraun und den Verlauf des 'Alten Kjalvegur'. Es ist frisch. Die Heide ist mit Reif überzogen, die kalte, klare Luft, die vollkommene Stille - alles fühlt sich an wie der Aufbruch zu einer herbstlichen Bergtour in den Alpen. Der Charakter des Weges kommt dem entgegen. Ein kurzer, steiler Aufstieg bringt den Kreislauf in Schwung. Dann folgt man über flacher An- und Abstiege den mit Pflöcken markierten Pfad bis zu einer mit einer Stange markierten Warte. Zugegeben, es ist die hässlichste Warte auf dem ganzen Kjalvegur! Nicht sorgsam aufgeschichtet aus passenden Basaltblöcken, sondern ein loser Steinhaufen, der mit einem Netz aus Maschendraht in Form und zusammengehalten wird. Zustände wie auf dem Laugavegur!

Hlaupin
Während man vielleicht noch Zeiten und Sitten beklagt, sollte man aber auch auf seine Füße Acht geben, denn hinter der Warte führt der nun kaum fußbreite Pfad steil einen noch viel steileren Abhang hinunter. Der teilweise lockere Untergrund ist rutschig und ich bin sehr froh für den Abstieg mit dem schweren Rucksack meine Trekkingstöcke dabei zu haben. Einen Ausrutscher möche ich mir hier nicht leisten. Im Aufstieg ist der Hang sicher leichter und sicherer zu bewältigen. Noch mehr Salz in der Suppe bleibt einem kurz darauf am Hlaupin jedoch erspart. Ohne, daß man sich dessen richtig wahr geworden ist, steht man vor der engen Klamm des Fúlakvísl. Tatsächlich hat sich hier der Gletscherfluß eine so enge Schlucht gegraben, daß diese an ihrer engsten Stelle gerade mal 2 m breit ist. Daher der Name Hlaupin - 'der Sprung'! Dank an Valdimar, dem die Betreuung der Žverbrekknamúli-Hütte seit ihrer Erbauung am Herzen liegt! Er hat an dieser Stelle einen kleinen Steg gebaut, sodaß keine Mut- und Fitnessproben mehr abgelegt werden müssen. Die Kraft des tief in der Schlucht donnernden Flusses kann man an den verbogenen Stahlträgern eines Vorgängersteges abschätzen, die gleich neben der Brücke liegen. Die neue Brücke ist in weiser Voraussicht demontierbar gebaut.

Hrútfell
Nach dem Steg nehme ich erneut die GPS-Positionen jeder Warte am Wegesrand auf. Ob das eine so gute Idee ist? Zumindest ist sie zeitraubend und jedesmal wird der Gehrhythmus unterbrochen. Macht ja nichts. Die Tagesetappe ist kurz, das Wetter ist bestens und ich habe alle Zeit der Welt. Vorbei am Fremra Sandfell. Erinnerung an die Zeltnacht im Schneesturm vor zehn Jahren. Auf halben Weg zum Žjófafell steht ein provisorischer Pferch. Hier wechseln wohl die Reitergruppen ihre Pferde. Daneben ein verblichener Wegweiser. Auf dem weiteren Weg in die Žjófadalir finde ich kaum mehr Warten. Der Weg ist einfach zu finden, man braucht nur dem Bach zu folgen. Doch anstatt die linke, nördlichere Spur zu nehmen halte ich direkt auf die nun sichtbare Hütte zu. Keine gute Entscheidung, denn die Wiesen sind entweder besonders bucklig oder sumpfig.

Žjófadalir
Erreiche um 13:00 Uhr die Hütte Žjófadalir. Sicher könnte ich noch am Nachmittag bis Hveravellir durchgehen, aber warum sollte ich? Hier ist heute ein kleines Fleckchen vom Paradies für mich reserviert. Seit meinem letzten Besuch ist die Hütte innen hergerichtet worden.Vor allem hat man ein neues, dichtes Fenster eingesetzt und ein kleiner Gasofen ist jetzt auch vorhanden. Der urige Charakter der kleinen Hütte ist aber Gottseidank erhalten geblieben. Nach der kurzen Hütteninspektion breite ich meine Isomatte in der Sonne aus und döse ein wenig vor mich hin. Obwohl ich kaum mit weiteren Gästen rechne, baue ich mein Zelt auf. Vor drei Tagen habe ich es naß verpackt und heute ist eine gute Gelegenheit es zu trocknen und auszulüften. Außerdem ziehe ich das helle Zelt der doch recht dunklen Hütte vor. Wasser am Bach östlich der Hütte geholt, denn die Wasserstelle unterhalb der Hütte ist versiegt. Im warmen Zelt an den Aufzeichnungen. Werde früh zu Abend essen und dann noch einen kurzen Spaziergang unternehmen.

Es war nur ein kurzer Spaziergang. Suche am Fuß des Rauškollur nach Heidelbeeren, erziele aber nur eine mehr als magere Ausbeute. Langsam schiebt sich der Bergschatten des Rauškollur auf die Hütte zu. Am Žröskuldur, dem Übergang ins Sóleyjardalur, und dem Ende der von Hveravellir herführenden Piste, erkenne ich die Silhouette von zwei Wanderern. Allerdings kann ich sie auch bis hierher hören - seufz! Nachdem ich schon herausgefunden habe wo Wasser zu finden ist, schnappe ich mir die zwei Wasserkanister der Hütte und fülle sie am östlichen Bach. Die beiden Neuankömmlinge, ein Paar aus Oberschwaben, erweisen sich dann doch als ganz nett und so sitzen wir am Abend auf einen Plausch bei Kerzenlicht gemütlich in der Hütte. Als ich gegen 22:00 Uhr in meine Zelt zurückkehre ist es schon richtig kalt geworden. Heute Nacht wird es sicher Frost geben. Entsprechend mummele ich mich in meinen Schlafsack. Bis auf die Nasenspitze ist auch alles wohlig warm.


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