4. Tag, Kaldidalur

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Copyright © Dieter Graser

Sonntag, 3. August 1997


Keine durchgreifende Wetteränderung. Eine tiefe Wolkenschicht zieht, von Süden kommend, schnell an den Flanken des Ůórisjökull entlang. Leichter Sprühregen, dazwischen trockene Phasen. Frühstück und dann Rucksackpacken vor dem Zelt. Kaum ist der Rucksack fertig schickt mich ein Schauer zurück ins noch aufgebaute Zelt zurück. Ein Schauer? Es prasselt aufs Zelt, wie ich es in Island höchstens mal an der Südküste, in Skaftafell, erlebt habe. Es schüttet wie aus Kübeln und will sich nicht mehr beruhigen. Inzwischen habe ich meine Stiefel wieder ausgezogen, später die Isomatte wieder ausgepackt und ein Nickerchen versucht. Was für einen Lärm der Regen auf dem Zelt machen kann! Ich bin froh, daß es mich nicht auf freier Strecke erwischt hat, das wäre ein Vollbad geworden. Lese im Umberto Eco.

Habe zwei Töpfe vor das Zelt gestellt um Regenwasser zu sammeln. Werde eventuell heute hier bleiben müssen. Außer meiner Thermosflasche mit heißem Tee (das reicht für heute) habe ich noch 1 Liter Wasser und davon brauche ich einen guten halben Liter zum Kochen heute Abend. Morgen müßte ich dann sparsam sein. Um Mittag läßt der Dauerregen etwas nach und geht nach kurzer Pause in den bekannten Sprühregen über. Vermehrt Autoverkehr auf der nahen Piste. Dieses Wochenende ist das erste Wochenende im August und damit ist "Verslunamannahelgi" oder Bankholiday und am Montag ist deshalb Feiertag. Also ist ganz Island unterwegs auf Kurzurlaub. Es scheint etwas heller werden zu wollen. Der Wunsch der Vater des Gedanken? Der Regen am Morgen war ein guter Belastungstest für das Zelt, ich inspiziere es genauer auch um mir die Zeit etwas zu vertreiben. Das Außenzelt ist an den Aufhängepunkten des Innenzeltes nicht ganz dicht. Die Wäscheleine im Zeltfirst wirkt wie ein Docht. Trotzdem kommen nur ein paar Tropfen herein. Die meiste Feuchtigkeit im Zelt liefern immer noch der Rucksack, Anorak und Überhose. Ein Müsliriegel zum Mittagessen.

Kurze Siesta. Der Regen scheint sich beruhigt zu haben. Nebeljagen und etwas Geniesel, aber keine dicken Tropfen mehr. Ab und zu wird es zwischen den Wolken etwas heller. Das Wetter hat sich auf einem akzeptablen Zustand stabilisiert. Also los!

Um 14:30 Uhr bin ich wieder auf der Straße. Zwischendurch macht der Nebel dicht und ich habe noch 100 m Sicht, dann steigt die Decke wieder und ich sehe zumindest die Berghänge. Es geht weiter stetig bergauf. Altschneefelder in einer Talung westlich der Straße. Gehe auf der rechten Straßenseite, da diese durch viel Kuppen und Kurven sehr unübersichtlich ist. Ein plötzlich hinter auftauchender Jeep hat mit einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Durch die starken Windgeräusche habe ich den Wagen nicht einmal kommen hören. Man grüßt durch Handheben. Auf der Paßhöhe auf 720 m eine riesige Steinpyramide - keine Warte, nur ein durch einen Bulldozer aufgehäufte Steinhalde. Kurze Pause. Nördlich des Passes ist das Wetter und die Sicht besser. Ich bin aus dem Stau heraus und komme ins Lee. Einige Photos. Weiter Blick hinab ins eigentliche Kaldidalur und auf die Kilometer die mir noch bevorstehen. Wie gewohnt wirken solche Ausblicke eher demotivierend aber der Ausblick entschädigt, auch wenn die Berge und Gletscher selber noch in den Wolken verborgen sind. Schade hier entgeht mir wirklich etwas.

Kaldidalur
Bin irgendwie nicht recht in Form. Leichte Kopfschmerzen, die Füße tun etwas weh und das rechte Knie muckt auch ein wenig auf. Die "Krise des dritten Tages"? Im Abstieg mache ich regelmäßig meine Päuschen. Suche mir "Sitzsteine" auf denen ich den Rucksack aufsetzten kann ohne ihn abnehmen zu müssen. Es geht langsam aber stetig bergab auf den Hádegisfell zu. Vor dem Berg schäumt grau der Gletscherfluß Geitá in seinem verblocktem Bett. Kein Wunder, daß die Geitá ordentlich Wasser führt, so wie es heute Morgen gekübelt hat. Erste Sonnenlöcher. Während einer Pause kommen mir zwei Schweizer Radler entgegen. Kurzer Schwatz über das woher - wohin und über das Wetter. Weiter durch eine hellgraue Blockwüste immer in der Nähe der Geitá, deren Fluten sind ebenfalls hellgrau. Dann eine Abzweigung mit dem Schild "Langjökull HF" 6 km. Hier wird versucht den Gletscher touristisch zu vermarkten - na ja. Zwischenzeitlich sind mir die Überhosen zu warm geworden. Ich komme wieder in mildere Höhenstufen.

Schöner und aufschlußreicher Blick nach Norden auf meine morgige Tagesetappe. Von West nach Ost am Fuß des Strútur entlang und dann über das Lavafeld Skógarhlí­arhraun nach TorfabŠli. Alles liegt schon vor bzw. unter mir. Noch 4 km bis zum vorgesehenen Zeltplatz an der Lambá, aber schon vorher führt die Straße oberhalb der Geitá durch eine flache, begrünte Talmulde. Ein paar klare Quellen entspringen direkt am Hang und plätschern über fluoreszierend grüne Moospolster. Nach der üblichen kurzen Sucherei finde ich auch wieder einen ebenen Platz fürs Zelt. Um 20:30 Uhr steht schließlich meine Stoffhütte wieder. Koche mir die zweite Hälfte meiner Packung Kartoffeleintopf. Ist aber wohl eher nur ein Drittel und so wird er zur Kartoffelsuppe umgewidmet. Dazu 2 Scheiben süßes Roggenbrot mit geräuchertem Lammschinken (Rúgbrau­ me­ Hangikjöt), Tee von heute Morgen und eine halbe Ritter Sport zum Nachtisch. Dann noch der Luxus einer Katzenwäsche an der Quelle und die Aufzeichnungen beendet. Es gibt auch solche Tage ...


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