8. Tag, Ţrístapafell - Efri-Fljótsdrög

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Copyright © Dieter Graser

Donnerstag, 7. August 1997


Irgendwie liege ich nicht besonders gut. Tagsüber spürte ich den Arm ja nicht, aber nachts macht er sich doch bemerkbar. Es ist 7:20 Uhr, immer noch starker Wind aus Süd. Die ganze Nacht Regen, mal dicke Tropfen mal nur Sprühregen. Trotzdem heute Morgen keine geschlossene Wolkendecke. Von der Optik her sieht es nicht so übel aus - die Sonne kommt sogar raus. Bin ziemlich spät dran heute. Das Wasser braucht lange zum Kochen - die Kartusche geht zu Neige.

Der Karte nach bin ich auf 600 m ü. NN. Der Höhenmesser zeigt 610 m an also Luftdruck gleichbleibend auf 1013 Mb.

Eiríksjökull
Aufbruch um 9:00 Uhr. Ein Regenschauer versüßt mir mit einem Regenbogen den Abschied. Ich folge dem Bach, oder eher einem sich in einer weiten Sandfläche verlaufenden Rinnsal (führt aber immer noch Wasser), um die Nordwestseite des Ţristapafell herum. Der Bach mündet hier in einen flachen See, dessen hellbraune Wellen schmutzige Schaumkronen tragen. An seiner Nordseite stößt der See an die Lava des zentralen Hallmundarhraun. Etwas erhöht, vom Nordhang des Ţristapafell aus, habe ich einen recht guten Blick über die nähere Umgebung Mit dem GPS bestimme ich noch einmal meinen Standpunkt und speichere ihn ab. Auf dem gegebenen Kompasskurs peile ich mir eine Landmarke an.

Das Lavafeld vor mir ist auf der Karte als Helluhraun, also als "flache Lava" eingetragen. Wer auch immer das gezeichnet hat soll zur Strafe mein Profil ablaufen und neu kartieren dürfen! Vielleicht verstehen die Isländer unter der "flachen Lava" - Helluhraun gangbare (wie auch immer), und unter der "Blocklava" - Apalhraun ungangbare Lava. Aber was ich vor mir habe ist zwar noch gangbar aber alles andere als flach. Hohe, steile Lavarücken mit senkrecht gestellten Schollen, die mit Gepäck nicht übersteigbar sind bilden den Eingang in das Labyrinth. Ich versuche im Zickzack den engen Tälern zu folgen und kann somit wenigstens den Rücken von Haushöhe ausweichen. Die etwas niedrigeren müssen überstiegen werden um wenigstens die Generalrichtung zu halten. Links, rechts, rauf und runter - auf jedem Rücken verschnaufen und den besten Weg für die nächsten 50 m suchen, mehr geht eh nicht, oft reicht es auch nur für die nächsten 20 m. Meine Peilmarke sehe schon lange nicht mehr. Hauptsache der Eiríksjökull bleibt in meinem Rücken, dann stimmt die Richtung ungefähr. Spätestens alle halbe Stunde nehme ich eine GPS-Position und weiß, wo ich mich relativ zu meiner Kurslinie befinde. Jeder Schritt fordert alle Aufmerksamkeit und absolute Trittsicherheit. Mehr als einmal lande ich in einer Sackgasse. Also zurück, an einer geeigneten Stelle vorsichtig den Lavarücken ersteigen, ein weiter Schritt über die Scheitelkluft und dann einen Abstieg suchen. In den "Tälern" wächst Moos und auch etwas Heide also nicht ganz unfreundlich. Und trotzdem, die Querung des Skógarhlíđarhraun kommt mir dagegen wie ein Spaziergang vor. Nach 3 km werden die Rücken etwas flacher und man kommt endlich in ein etwa 1 km breites Gebiet das den Namen Helluhraun wirklich verdient.

Lavahöhle
Keine Lavarücken, nur flache Wellen mit teilweise mit Grus bedeckter Lava. Es sieht aus, als hätte jemand waggonweise braunschwärzlichen Zement zu flachen Fladen ausgeschüttet. Eine alte Jeepspur ist ein Indiz dafür, daß sich das Gebiet der flachen Lava noch weiter nach Westen erstrecken muß. So solide wie er aussieht ist der Untergrund aber nicht, denn ziemlich unvermittelt stehe ich vor einem großen ovalen Loch mit 20 - 30 m Durchmesser und etwa 10 m Tiefe! In einer Westost verlaufenden Linie sind noch 3, 4 weitere Löcher ähnlicher Größe zu erkennen. Deutlich kann man erkennen, daß hier an mehreren Stellen die Decke einer riesigen Lavahöhle eingestürzt ist. Die Deckenstärke beträgt zwischen 3 und 5 m. Die Höhle muß demnach etwa 15- 20 m breit und 5 - 10 m hoch sein. Einen Zugang zu den intakten Höhlenteilen konnte ich nicht sehen. Im Jahrbuch 1980 des FÍ, "Langjökullsferđur" schreibt der Autor über diese Höhle im Hallmundarhraun, daß er zwar selbst nie dort gewesen, sie aber einmal vom Flugzeug aus gesehen habe. Groß und tief genug sind die Löcher ja. Im Jahrbuch 1988 "Vörđur á vegi" sind sie in einem Kärtchen als Kalmanshellir eingetragen, aber nicht weiter beschrieben. Im Blatt 45 Eiríksjökull 1:10000 schließlich, fehlt jeder Hinweis auf die Höhle. Ich wußte, daß sie sich etwas östlich meiner Kurslinie befinden mußte, aber ich traute der Lagerichtigkeit des Kärtchens im Jahrbuch nicht besonders. Ein paar Photos gemacht und die Position (N 64°49,967´; W 20°12,447´) bestimmt.

Nach diesem kurzen, flachen Stück komme ich erneut in mühsame Lavarücken. Noch dazu geht es bergauf. Ich bin jetzt nicht weit von dem Krater entfernt der die Hauptquelle der Lava war und muß einen niedrigen Rücken queren, der vom Krater aus nach NW läuft. Als ob das Gelände nicht schon schwierig genug wäre stoße ich plötzlich auf ein Feld mit tiefschwarzer, vollkommen chaotischer Lava, die wohl bei einem jüngeren Ausbruch gefördert wurde. Ihr Rand bildet einen mehrere Meter hoher Schuttwall, ähnlich einer Seitenmoräne und dahinter ein Gletscherbruch aus wildgezackten Schollen, Turmruinen und Trümmern in abenteuerlichsten Formen. Das Material ist splitterig, spröde und scharfkantig wie Glas. Das Ganze so gangbar wie ein Stacheldrahtverhau - Apalhraun Güteklasse 1A!

Lava
Also gilt es aus einen einem der "Tälchen" herauszuklettern und von einen etwas erhöhten Standpunkt aus herauszufinden, wie groß dieses Feld vor einem wohl sein könnte und wo man am besten versuchen könnte es zu umgehen. Richtung Krater brauche ich es nicht zu versuchen - also nach Westen und bergab. Die Tälchen sind nun manchmal so eng und mit Blöcken verlegt, daß ich Mühe habe mit dem breiten Rucksack durchzukommen. Der Blick zwischen den Lavamauern reicht gerade mal 1-2 m zur Seite und 10 m in Gehrichtung, dann muß wieder eine Bresche überklettert werden. Ich lege immer wieder kleine Pausen ein um zu verhindern daß durch die Anstrengung die Konzentration beeinträchtigt wird. Konzentration auf den nächsten Schritt.

Langsam komme ich aus den unangenehmsten Teil der Lava heraus. Die Lavarücken werden niedriger und weiter aber geht steiler bergauf. Schließlich erreiche ich die Höhe des Rückens und habe einen Überblick über den gesamten zentralen Bereich des Hallmundarhraun. Dieses Labyrinth hat eine Fläche von etwa 150 km². Das GPS bestätigt den Blick auf die Karte. Über 2/3 des Lavafeldes habe ich schon geschafft. Im Nordosten, hinter dem Rand des Lavafeldes, kann ich schon die Seen des Efri-Fljótsdrög erkennen. Pause mit heißem Tee und Müsliriegel. Der Himmel ist bedeckt und grau, aber es regnet nicht. Ich habe auch den Eindruck daß der Wind im Laufe des Tages, je weiter ich nach Norden vorankam, schwächer geworden ist. Kurz oberhalb meines Rastplatzes das Ende eine weiteren Lavazunge der bösartigen Sorte.

Hier in der Nähe des Kraters (1,5 km östl.) fällt mir eine Kleinform der Lava auf, die ich nur hier gesehen habe. Es sind dies, auf die Lavarücken aufgesetzte kleine oberflächliche Lavakanäle die mit ihrem rechteckigen bis trapezförmigen Querschnitt stark an Bahndämme erinnern. Sie sind etwa eine halben Meter breit und man kann sie oft über Dutzende Meter verfolgen. Auch Verzweigungen kommen vor. Aus einem Riß in der schon oberflächlich verfestigten Lava tritt ein kleiner "Bach" des Materials aus dem noch zähflüssigen Kern aus und beginnt dem relativ steilen Gefälle folgend bergab zu fließen. Bei dem Kontakt mit der schon erstarrten, älteren Lavaoberfläche kühlen die langsamen und weniger dicken (?) Randbereiche der vorstoßenden Zunge ab und erstarren. Ein noch heißer aber schon fester Seitendamm entsteht und schützt die vorstoßende Lavazunge vor weiterer seitlicher Abkühlung. Jedes kleine Überschwappen erhöht diesen Damm. Zu Beginn erstarrt sicher auch Material am Grund des Stromes aber die Wärme kann nicht schnell genug abgeleitet werden und das Bett des Kanals erhöht sich weniger schnell als die Ränder. In der Mitte der Rinne, nahe der Oberfläche ist die Fließgeschwindigkeit am höchsten und der Wärmeverlußt an der Kontaktfläche zur Luft relativ gering. Mit dem beginnenden Versiegen der "Lavaquelle" sinkt der "Wasserspiegel" etwas unter die Höhe des Seitendammes ab, die Fließgeschwindigkeit geht zurück und die Lava beginnt zu immer zähflüssiger zu werden bis sie langsam erstarrt, wobei sich kleine girlandenförmige Wülste an der Oberfläche (Stricklava) bilden.

Gelegentlich benutze ich diese Kanäle als Gehsteig. Der Abstieg fällt mir jetzt, da ich das Ende des Lavafeldes vor Augen habe, bedeutend leichter. Vielleicht sind auch die Lavarücken nicht mehr so hoch und es stellt sich auch kein Apalhraunfeld mehr in den Weg. Nach etwa 2 km verschwinden die Lavarücken ganz und ich gehe über flaches Terrain das von faustgroßen Lavabrocken, poröser Hochofenschlacke nicht unähnlich, bedeckt ist. Die Brocken bilden allenthalben Häufen von bis zu einem halben Meter Höhe denen manchmal etwas graues Moos etwas Zusammenhalt gibt. Die Schlacke ist scharfkantig, spitz, spröde und knirscht splitterig wenn man auf sie tritt. Auch hier ist das Gehen noch mühsam genug und eine Tortur für die Stiefel.

Kurz vor 15:00 Uhr habe ich es geschafft und erreiche eine weite Sanderfläche, die das Lavafeld überdeckt. Ein dünner Wasserfall in einer Schlucht des Jökulsstallar-Plateaus zeigt, daß der Schmelzwasserabfluß des Langjökulls am frühen Nachmittag noch gering ist. An den frischen Erosionsrändern ist zu erkennen, daß auch dieser Bach letzte Nacht Wasser geführt haben muß. Aber heute ist es bedeckt und in der Höhe ist es kalt. Der über Nacht gefallene Neuschnee ist an den Hängen des Eríksjökull nicht geschmolzen. In einiger Entfernung vom trockenen Bachbett finde ich im lehmigen Boden einen einzelnen, alten, auch nach Norden weisende Abdruck eines Bergstiefels.

Irgendwann auf meinem Weg durch die Lava habe ich den Plan begraben meinen gestern erlaufenen halben Tag in die kürzeren Etappen der nächsten Tage mit einzubauen um bis Hveravellir einen ganzen Tag zu gewinnen. Für die 12 km bis zu den Seen am Efri-Fljótsdrög habe ich 6 anstrengende Stunden gebraucht. Das macht 2 km pro Stunde, normalerweise rechne ich, je nach Anzahl der Pausen mit 3,5 - 4 km. Wenn es also am See gutes, klares Wasser und vielleicht ein grasiges Plätzchen gibt, dann werde ich heute nicht mehr weiterhetzen.

Beide Bedingungen erfüllen sich. Zwar gibt es beim Zeltaufbauen die ersten Regentropfen seit meinem Aufbruch heute morgen, aber 5 Minuten später kommt sogar die Sonne heraus. Es gibt kaum Wind und ich sitze gemütlich vor dem Zelt bei Tee und Schokolade und gönne den Fußgelenken ihre wohlverdiente Ruhe. Mit den Vorräten kann ich langsam großzügiger umgehen, denn bis Hveravellir sind es nur noch 2 Tage. Der Schlafsack hängt weit geöffnet über dem Zelt. Zum ersten Mal seit Beginn der Tour kann ich ihn mal richtig auslüften. Positionsbestimmung, Kartenstudium, Aufzeichnungen und Nickerchen füllen den Rest des Nachmittags aus. Mache einen kleinen Erkundungsgang zu "Großen Isländischen West-Ost Zaun" der 2-300 m nördlich von meinem Zeltplatz liegt. Der Zaun trennt die Süd- von den Nordschafen aber sollte wenigstens für Menschen überwindlich sein. Ein paar alte Hufspuren zeigen, daß er wenigsten einmal im Jahr kontrolliert wird. Nach dem Abendessen setzt ziemlich kräftiger Regen ein - kein Wind. Werde mir noch einen Kakao kochen und etwas lesen.

Um 20:40 Uhr zeigt der Höhenmesser 1003 Mb - hoppla, da ist der Luftdruck aber ganz schön gefallen!


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