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13. Tag; Herðubreiðarlindir - Bræðrafell

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Copyright © Dieter Graser

Freitag, 14. August 1998

In der Nacht immer wieder Regen. Nehme den Wecker deshalb auch erst einmal nicht so ernst und bequeme ich mich erst um 7:00 Uhr zu einem Frühstück und räume ein bischen zusammen. Da es dabei immer noch "dächelet" verziehe ich mich wieder in den Schlafsack und schlafe noch ein Stündchen tief und gut. Lese dann noch etwas im Laxnes. Gegen 10:00 Uhr allenfalls noch Nieseln. Der Wind hat auf Nord gedreht. Dicht und tief ziehen die Wolken über das Hochland und lassen nur noch den Sockel des Herðubreið erkennen. Ich teile mein Gepäck: Zelt, Liegematte und der Großteil der Müsliriegel und Trekkingmahlzeiten kommen in den großen Packsack. Schlafsack, alle Kleidung, Kochzeug und 2 Doppelpackungen Futter kommen in den Rucksack. Der Packsack ist ganz schön schwer - wahrscheinlich auch weil das Zelt klatschnass ist. Aber vom Rucksack hatte ich eigentlich erwartet, daß er viel leichter geworden sein sollte. Den Packsack bringe ich zu den Landwärterinnen und hole mir noch von Eygló die letzten Tips und die Wettervorhersage ein: heute N, morgen NW, erst eher viel Wind, dann Wetterberuhigung, aber insgesamt fallende Temperaturen, so auf um die 6C.

Gegen 12:00 Uhr breche ich schließlich auf. Daß ich spät dran bin macht nichts. Bis zur Hütte am Bræðrafell sind es Luftlinie 15 km plus 2 km Aufschlag weil der Herðubreið, mitten im Weg liegend, nördlich umgangen werden muß. Wie empfohlen kümmere ich mich nicht um die Wegmarkierungen sondern halte direkt auf den Nordfuß des Herðubreið zu. Der markierte Weg durch die Lava ist auch nicht komfortabler, dafür länger. Mal wieder ein Lavafeld - was für ein Vergnügen! Die Lavarücken sind allerdings selten mehr als 3 m hoch und mit schönen "Strickmustern" bedeckt. Nach meiner letztjährigen Erfahrung im Hallmundarhraun ist das eine positive Überraschung. Ich komme wider Erwarten gut voran. Am Hangfuß des Herðubreið stoße ich auf die Wegmarkierungen und folge ihnen um das Nordviertel des Berges. Vom Herðubreið selbst ist nur untere Ring der Geröllfelder zu sehen. Lautes Steinschlaggeräusch aus dem Nebel der Nordseite - das war ein ziemlich großer Brocken! Etwa eine Minute später anhaltendes, lautes Donnern - da muß noch deutlich mehr nachgekommen sein! Es ist nichts zu sehen. Trotzdem ich genügend Abstand zu den Halden habe ist mir ungemütlich. Weiter Eyglós Rat folgend, mache ich die Halbumrundung nicht perfekt sondern halte nun auf den Bræðrafell zu. GPS-Kurs und Kompassspeilung stimmen im Vergleich überein und so verlasse ich den Hangfuß und gehe wieder in die Lava.

Seit meinem Aufbruch hat mich immer wieder feiner Nieselregen begleitet. Nun zeigen sich kurzzeitig blaue Löcher in den tiefen Wolken, aber sie haben sich gleich wieder geschlossen. Der Bræðrafell ist in der aufliegenden Wolkendecke verschwunden und ich orientiere mich nach auffallenden Lavaformationen auf meinem vom GPS vorgegebenen Kompaskurs. Nach etwa 2 km wird die Lava zunehmend flacher und ist mit wie Seepocken aussehenden Graumoosnestern bedeckt. Aus den flachgewellten Lavafladen ragen vereinzelt wilde Formationen hervor. Runde Trümmerburgen, ein überdimensionaler "Baumstumpf" mit Wurzeln aus gedrehten Lavasträngen. Aber auch große Löcher (Krater?) mit mehreren Zehnermeter Durchmesser in denen noch Altschnee liegt. Den Bræðrafell bekomme ich nicht mehr zu sehen, aber ich brauche nur an den flach auslaufenden Südrand des Schildvulkans Kollóttadyngja ("hornloser Schild") zuzuhalten. Von einer weiten Aufwölbug der Lava aus kann ich mein Tagesziel die Bræðrafell Hütte schließlich in etwa 1,5 km Entfernung erkennen. Inzwischen regnet es kräftig und ich beginne naß zu werden. Für die Regenhose ist es eh zu spät und der Anorak hält nicht mehr dicht - er hat lange genug gedient. Zu dem immer stärker werdenden Regen kommt noch Nebel und läßt die wieder Hütte verschwinden. Die Lava bietet keinerlei Orientierungsmöglichkeiten mehr und läßt einen auch keine 5 Meter geradeaus gehen. Wichtig nun: der Wind muß immer von rechts vorne kommen. Als ich meine ich müßte mich jetzt langsam der Hütte nähern, befrage ich noch einmal mein Satellitenorakel. Das Ergebnis: 200 m zu weit nach rechts vom Kurs abgekommen. Die Hütte müßte demnach halblinks liegen. Also auf neuem Kurs weiter und Augen auf. Wenige Minuten später entdecke ich das dreieckige Dach des Klohäuschens und stoße auf eine Pfadspur und schließlich auf die Hütte selbst.

Bræðrafell

Von der Hütte bis zum nahen Hangfuß des Bræðrafell sind als "Auffanglinie" mehrere Steinwarten aufgeschichtet. Bei schlechter Sicht wird somit die Gefahr vermindert die Hütte zu verfehlen. Als erstes fällt einem an der Hütte die Wasserversorgung auf. Das Regenwasser wird vom Dach in Dachrinnen gesammelt und in große, an der Wand aufgereihte Plastikkanister geleitet. Die einfache Hütte hat leider keinen Vorraum als Windfang in dem man nasse Regenkleidung aufhängen könnte. Über eine doppelte Tür kommt man in den einzigen, ziemlich langen und schmalen Raum an dessen einer Längsseite 3 Doppelstockbetten mit Platz für 12 Personen stehen. Zwei kleine Fenster befinden sich jeweils an den Schmalseiten. An der anderen Wand ist der Eingang, der Ofen und ein schmaler Tisch, darüber ein Regal mit den üblichen Ausrüstungsgegenständen. Kerzen, Streichhölzer, Becher, Brotzeitbretter altes Besteck, eine Karte der Umgebung und alles was irgendwelche Gäste hier einmal zurückgelassen haben. Alles recht praktisch und einigermaßen gemütlich eingerichtet. Ich schaffe es den Ofen in Gang zu bringen. Außer dem obligatorischen Spanplattenverschnitt gibt es auch noch Abfall von Nut- und Federbrettern, wie man sie für Wandverkleidungen im Innenausbau verwendet. Die brennen besser, wenn man mit ein wenig Toilettenpapier und "Steinöl" nachhilft. Ich wechsle die naßen Klamotten und verteile sie zum Trocknen im Raum. Schmökern im Hüttenbuch das bis zur Errichtung der Hütte 1978 zurückreicht! Abendessen und Aufzeichnungen bei Kerzenlicht. Draußen pfeift der Wind um die Hütte und die Sichtweite beträgt unter 50 Meter. Das sollte sich bis morgen tunlichst ändern. Die 19 km über das Lavafeld sollen zwar markiert sein, aber man muß den nächsten Pfosten auch sehen können! Werde noch etwas Spanplatten nachlegen und mich dann in den Schlafsack verkriechen.


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14. Tag Bræðrafell - Dreki