7. Tag, Fögru - Grasver

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Copyright © Dieter Graser

Mittwoch, 17. Juli 2002


In der Nacht böiger Wind. Erst scheint sich kein Lüftchen zu regen, dann hört man ein sich näherndes, immer lauter werdendes Rauschen und schließlich wird das Zelt heftig durchgeschüttelt. Typische Leeturbulenzen eben. Also muß der Wind auf Südost bis Süd gedreht haben. Das ist schlecht, denn das bedeutet wieder Regen! Muß immer wieder an die lockeren Steine, dort hoch oben, auf dem Grat denken.

Am Ufer des Langisjórs
Kurz vor sieben auf. Immer noch die Böen aber immer noch trocken. Zwei Stunden später ist gepackt und ich breche auf. Um die Gipfel der Fögrufjöll jagen Wolkenfetzen und die Böen bringen zerstäubten Niesleregen herab. Es geht gleich steil den Steig hinauf zur ersten Scharte und dann hinunter in das flache Tal zu dem kleinen See. An diesem vorbei zur südwestlichen Scharte und dann wieder steil hinunter zum Ufer des Langisjórs. Vom Ufer aus ist der schmale Durchbruch der Útfallschlucht nur durch die durch die Düse jagenden Wolkenfetzen und Regenschleier zu erkennen. Vor dem Schluchteingang zerplatzen die Böen in kreiselnden Wellenmustern auf der sonst ruhigen Seeoberfläche.

Furt Útfall
In der Schlucht selbst tobt der Wind nicht so schlimm wie befürchtet. Über lockeren, erdigen Schutt steige ich schnell zum Bach ab. Zum See hin bildet eine Felschwelle einen natürlichen Damm über den das Wasser des Langisjórs in Kaskaden in die Schlucht strömt. Bis in die 50er Jahre flossen die Schmelzwaser des westlichen Tungnaárjökulls in den Langisjór und verließen diesen wider über den Útfall. Das Wasser des Langisjór ist früher immer als milchig trüb beschrieben worden, wie es eben für einen Gletschersee typisch ist. Mit dem Rückzug des Tungnaárjökulls blieben die Schmelzwasserbäche hinter dem Kranz der Endmoränen zurück und konnten diese westlich der Fögrufjöll nicht mehr durchbrechen. Der Langisjór hatte damit den direkten Zufluß vom Gletscher her verloren. Heute fließen die Schmelzwasserbäche um den äußersten Sporn des Fögru herum auf deren Ostseite und bilden somit die nordwestlichen Zuflüsse der Skaftá. Die jetzt bedeutenden Skaftárhlaup Ereignisse waren früher weit weniger bemerkbar, da der große Speicher des Sees die Hochwasserwelle dämpfte und erst verzögert an die Skaftá weitergab. Die plötzliche Verlegung der Abflußverhältnisse vor 50 Jahren hat für mich zwei schöne Vorteile. Einmal ist das Wasser des Langisjórs seither glasklar und zweitens tobt durch die Útfallschlucht nun kein Gletscherfluß mehr sondern fließt jetzt ein nur knietiefer Bach. Allerdings gibt es Pläne die alten Zustände wiederherzustellen und die westlichen Skaftázuflüsse wieder in den Langisjór zu leiten. Der natürliche Damm am Útfall würde erhöht und das Wasser des Sees über einen etwa 8 km langen Stollen in die Tungnaá geleitet werden um in den Kraftwerken im Einzugsgebiet der Žjórsá verstromt zu werden. Aber noch ist es nicht soweit. Ich plaziere das Fotostativ auf einem großen Felsblock und versuche ein Bild von der Furt zu machen.

Grasver
Dann etwas mühsam über große Blöcke weiter am rechten Bachufer. Intensiver Sprühregen bläst mit ins Gesicht. Nach wenigen hundert Meter fießt der Útfall in einen von Bergen umgebenen See. Am Ende der ersten Bucht Aufstieg zum Übergang zur Grasver. Auf dieser Seite der Fögrufjöll ist das Wetter, wie befürchtet, ziemlich unfreundlich. Um so erfeulicher der Anblick der Grasver. Die "Grasebene" ist nicht richtig flach, aber sehr grün. Sonst gibt es in der Umgebung der Fögrufjöll allenfalls Moospolster, aber hier wächst tatsächlich etwas Gras. Etwa ein Dutzend Schafe hat den weiten Weg hierher gefunden. Ich glaube sie machen das nur, um ihre Besitzer beim herbstlichen Abtrieb zu ärgern. Der See bei der Grasver ist deutlich größer als in der Karte eingezeichnet. Er steht mit der Skaftá in Verbindung und ist durch das graue Hochwasser des Skaftárhlaup überflutet worden. Ich komme in ein Tälchen mit einem hübschen klaren Bach und verfolge diesen weiter nach unten. An der Stelle, wo sich das enge Tälchen zum See hin weitet, finde ich einen perfekten Zeltplatz. Flacher, fester, bewachsener Boden und windgeschützt durch eine Hangterasse. Frisches Wasser gleich nebenan. Eine Idylle, wenn nur das Wetter mitspielen würde. Nach einer Tagesetappe von nur 6 km beschließe ich hierzubleiben. Heute noch weiterzugehen hätte wenig Sinn.

Skaftá
Nur 3 Stunden nach dem Aufbruch steht das Zelt wieder und ich mache Brotzeit. Die isländische Salami, die ich in Reykjavík erstanden habe ist ausgezeichnet! Nachmittagsnickerchen. Später weiter in den "Schiffsmeldungen". Habe das Buch nun leider schon fertig gelesen - war genau die richtige Lektüre. Um 16:00 Uhr breche ich zu einem zweistündigem Regenspaziergang auf. Das Geheimnis der Grasver sind die vielen Quellen. Bis jetzt habe ich in den Fögrufjöll noch keine Quellen entdeckt, aber hier sprudeln sie nur so! Mit einem normalen, freien Grundwasserspiegel ist das nicht zu erklären. Das ist kein Hangwasser, sondern tieferes, unter Druck stehendes Grundwasser. Kommt es vom Langisjór der 50 Meter höher liegt? Ich umgehe den von dem Skaftárhlaup erhöhten See und wandere zu einem Hügel, der wie eine Halbinsel in weit überflutete Schwemmebene der Skaftá hineinragt. Kauere mich in den Windschutz eines niedrigen Felsklotzes und warte lange auf einen Moment mit besserer Sicht um ein Photo zu versuchen. Obwohl man sich kein trostlosere, graue Stimmung vorstellen kann fühle ich mich unter meinem Felsen geborgen und genieße die vollkommene Einsamkeit. Schließlich kann ich ein Bild wagen. Eine 30stel Sekunde bei aufgelegter Kamera. Zurück zum Zelt. Zum Abendessen gibt es Pilzraout mit Nudeln - mal was anderes. Bis 20:00 Uhr noch kräftiger Regen. Jetzt hat es aufgehört - für wie lange? Nur mein Bach plätschert noch neben dem Zelt.


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