10. Tag, Sveinstindur - SkŠlingar

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Copyright © Dieter Graser

Samstag, 20. Juli 2002


Das Wetter am Morgen bedeckt und trocken. Der Sveinstindur verhüllt sich in Wolken. Packe zusammen und breche auf als die Útivistar langsam ihr Frühstück angehen. Es ist 9:00 Uhr. Im Rucksack habe ich nun zusätzlich den Proviant für acht Tage, plus für zwei Tage Reserve und den Rest der noch übrig ist: "helviti­ ■ungt" - höllisch schwer. Zur SkŠlingar Hütte sind es grob geschätzt 13 Kilometer. Eigentlich nicht weit, aber ich weiß auch nicht wie der Weg genau verläuft und welche Überraschungen er bietet. Es gibt keine Beschreibung. In der Karte ist er nicht eingezeichnet und wenn ich es mir genau überlege habe ich Jósef auch nicht explizit danach gefragt. Hätte ich besser tun sollen. Beide Hütten liegen am Ufer der Skaftá und 2 bis 3 Mal pro Woche trampelt eine Horde Isländer unter ortskundiger Führung den Weg aus, also mache ich mir vorerst keine Gedanken.

Hvanngil
Ich habe eine gute Stunde Vorsprung vor der Gruppe. Sie werden mit leichtem Tagesrucksack gehen, also werden sie wohl langsam aufschließen. Zuerst den schon bekannten Weg bis zum Pegelhäuschen und dann auf einem breit und deutlich ausgelatschen Pfad am flachen Hang über der Skaftá. An der Stelle wo der Fluß einen deutlichen Knick nach rechts macht lohnt es sich direkt an das im Basalt eingegrabene Flußbett zu gehen und sich die eindrucksvollen Stromschnellen zu betrachten. Ein erster Aufstieg führt dann auf eine weite, kiesige Hochfläche. Hier sind die Wegspuren undeutlich und ein paar Markierungspflöcke wären hier hilfreich. Ich folge den Spuren auf der Hochfläche bis zum Sporn über dem Zusammentreffen zweier Schluchten bei der Hvanngil. Von hier hat man einen schönen Blick auf die Schluchten und den Uxatindar, sofern dieser sich nicht in den Wolken versteckt. Bei guten Wetter, mit klarer Sicht, hat man auf dem Weg von der Sveinstindurhütte immer den steilen und markanten Uxatindar vor Augen und wandert dem Westufer der Skaftá folgend, auf diesen zu. Schon von weitem ist vor dem Uxartindar deutlich ein steiler Schafpfad zu erkennen, der die moosigen Talflanken zur Skaftá hin diagonal quert. Man darf sich nicht täuschen lassen. Dies ist nicht der Weg zur SkŠlingar Hütte. Nach Auskünften gibt es keinen Weg an der Ost- (Skaftá-) Seite des Uxartindar!

Schluchteingang
Von dem Spron steigt man auf einer nun gut erkennbaren Pfadspur steil auf den von etlichen Wasserarmen durchzogenen, breiten Schluchtboden ab. Drei dieser Wasserläufe furte ich. Von rechts kommt eine weitere eindrucksvolle Schlucht. Nachdem der Ausgang des Schluchtsystems durch die vernehmlich rauschende Skaftá verlegt ist, gilt es steil aufzusteigen, aber nur um kurz darauf wieder ebenso steil in die nächste breite Schlucht, oder besser: in einen steilwandigen Talkessel, abzusteigen. Den Weitlick auf den seltsamen Pfad auf der Ostseite des Uxatindar noch im Hinterkopf bin ich erstaunt, daß sich die Fußspuren nicht nach links wenden um den Uxatindar östlich zu umgehen, sondern nach Westen in den auffallenden Talkessel, in dessen Zentrum ein kegelförmiger Hügel steht. Hinter dem Hügel folgt ein flacher, trüber See, den man am rechten Ufer umgeht. Immer noch im kieserfüllten Talboden schreitet man durch eine Engstelle die von zwei aberwitzig verwitterten Lavatürmen bewacht wird. Spätestens hier fühlt man sich vollends in Tolkiens Welten versetzt und ich frage mich, wo mich die Spuren, denen ich folge, wohl hinführen werden. Die Spuren meiner Vorgänger sind frisch und eindeutig und das bestätigt mich ihnen weiter zu folgen. Das Tal wird immer enger, links verlieren sich die steilen, schrofigen Flanken zum Uxartindar hinauf im Nebel und lassen ihn noch steiler und höher erscheinen, als er eh schon ist. Die Grate sind messerscharf und erinnern mich lebhaft an die Höfats in den Allgäuer Bergen.

In der Jötnagil
War schon die "Pforte" zum dahinterliegenden Tal beeindruckend, nun verengt sich dieses zu einer engen Schlucht von einzigartiger Wildheit. Erst hat sie noch alpinen Charakter, dann treten die Wände der Schlucht auf wenige Meter zusammen. Man geht mal links, mal rechts, oder auch im Bach selbst. Eine mühsame Kletterei, bei der man stets den nächsten sicheren Tritt sucht. Schaut man aber nach oben, so bleibt einem die Luft weg. Das zerfressene Tuffgestein bildet wilde Höhlen, Überhänge, Grate, Türme, Hörner und Bögen die allen Gesetzen der Schwerkraft zu spotten scheinen. Immer wieder bleibe ich stehen und betracht die sich alle zehn Meter ändernde Szenerie. Einen solchen Weg habe ich in Island noch nicht gesehen. An einer Stelle, an der von rechts eine weitere Schlucht einmündet weitet sich die Schlucht etwas und man hat einen guten und sicheren Rastplatz. Ich nehme seine Position mit dem GPS (Wegpunkt PLATZ). Weiter den Spuren folgend und im Zweifelsfalle die linke Schlucht wählen. An einer weiteren Schluchteinmündung hat jemand dankenswerterweise eine kleine Warte aufgeschichtet. Nach zwei Kilometern "Schluchting" und stetem Aufstieg, weiten sich die Schluchtwände wieder und flachen ab. Immer noch geht es einem Tälchen folgend weiter bergauf bis zum höchsten Punkt, einem Paß auf etwa 750m ü. NN, einen guten Kilometer südwestlich des Gipfels des Uxatindars.

Der Nebel, der die Szenerie in der Schlucht noch eindrücklicher gemacht hat, stört mich jetzt wirklich. Die Spuren sind nun sehr schlecht zu finden und Wegmarkierungen gibt es hier keine. Die drei Spuren die ich entdecke führen mich wieder in ein Tälchen der gleichen Art, wie das in den ich zum Schluß aufgestiegen bin. Was ich in diesem Moment nicht weiß: ich befinde mich obersten Teil eines baumartig verzweigten Schluchtsystems, dessen Ausdehnung ich nicht übersehen kann. Die perfekte Reusenfalle. Vom Paß aus bleibt man am besten erst auf gleicher Höhe und umgeht das Schluchtsystem auf seiner Westseite. Ich aber laufe in die Falle und stoße nach wenigen hundert Metern auf eine niedere, aber enge Felsenpforte, durch die ich gerade mal durchpasse. Der Beginn eines neuen Schluchtabenteuers? Nun, ich gehe weiter, immer den Spuren nach, bergab. Nebel und Nieselregen direkt von vorn. Erst weitet sich das Tälchen wieder, dann schließt es sich zu einer blockigen Schlucht. Nach weiteren hundert Meter ist Schluß. Vor mir geht es 10 - 20 Meter senkrecht hinunter und ich kann zum erstenmal das tief eingeschnittene Schluchtsystem, wenigstens teilweise, überschauen. Hier bin ich definitiv auf dem falschen Weg!

Ich klettere zurück bis ich wieder auf die Spuren treffe. Haben sich meine Vorgänger hier auch verfranzt? Nach rechts führt ein Schafsteig aus dem etwa 10 Meter tiefen Tälchen heraus. Der Nebel hat sich soweit gelichtet, daß ich mir nun einen Überblick verschaffen kann. Bergab, nach Süden, komme ich nicht weiter, ich bin aber auch schon zu tief um nach Westen queren zu können, ohne möglicherweise auf eine weitere tief eingeschnittene Schlucht zu stoßen. Nach Osten ist das Gelände günstiger. Hier sind nur zwei flache Talmulden zu queren und dann bietet sich eine sanft geneigter Rücken dazu an zur Skaftá abzusteigen. Die Hütte liegt aber in Richtung SSW. Die Schluchten östlich zu umgehen ist zwar weiter, aber sicherer. Zuerst einmal muß ich sogar nach Nordosten aufsteigen um die beiden Täler an Stellen zu queren, an denen sie noch "junge" Mulden und noch nicht durch die Erosion v-förmig eingeschnitten sind. An einem auffälligen Felsblock auf dem breiten Rücken nehme ich eine GPS Position. Ab jetzt ist es ein Kinderspiel. Wieder treffe ich auf Spuren von drei Wanderen die auch hier abstiegen. Waren das meine Vorgänger, die mich vorhin in die Irre geleitet haben? Weit drüben, westlich der Schluchten, sehe ich die Útivistar absteigen. Schließlich erreiche ich die Skaftá genau an der Mündung des Schluchtsystems das ich umgangen habe. Der Bach, der aus den Schluchten kommt, hat jetzt im Juli eine erstaunlich geringe Wasserführung und man möchte ihm diese Erosionsleistung gar nicht zutrauen.

Es ist 16:00 Uhr und ungewöhnlich spät für eine "13-Kilometer-Etappe". Bis zur SkŠlingar Hütte sind es immer noch knapp 5 Kilometer. Also weiter, einfach am Rand der Skaftálava entlang auf Schafpfaden oder in den buckligen, üppigen Wiesen am flachen Talhang. Es ist schon nach 17:00 Uhr, als ich schließlich an der Hütte eintreffe. Die Útivistar, eine Stunde nach mir aufgebrochen, sind auch schon da. Baue mein Zelt zwischen den schönen Lavaformationen am Bach auf und nehme ein Bad in einem verlockend tiefen Gumpen. Nicht direkt eiskalt, aber doch sehr erfrischend. Danach feiere ich eine Spaghettiorgie. Anschließend die Aufzeichnungen teilweise nachgeholt und darüber eingeschlafen. Gegen 20:00 Uhr einen starken Kaffee gekocht und die Útivistar in der Hütte besucht. Es ist wieder einmal "Hüttenabend. Dazu kommt noch das eine oder andere Schnapserl. Viel gesungen - gehört eben dazu.


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