19. Tag, Landmanahellir - Áfangagil

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Copyright © Dieter Graser

Montag, 29. Juli 2002


In der Nacht war es ungewöhnlich kühl. Habe zum ersten Mal die Schlafsackkapuze zugezogen. Am Morgen Reif auf der Innenseite des Außenzeltes. Der Himmel ist wolkenlos und kein Lüftlein regt sich. Es fällt mir schwer aufzustehen. Schaffe trotzdem einen frühen Start um 7:45 Uhr. Gehe noch bei der Gruppe vorbei, die gerade damit beginnen ihr Früchstück zu bereiten, und entschuldige mich für meinen vielleicht etwas ruppigen Ton gestern Abend. Alles in Ordnung - sie meinen sie hätten sich eigentlich entschuldigen sollen. Na ja, dann ist also nichts passiert. Es sind alles Amateurphotoraphen, die sich da zu einer Photoreise um den bekannten Kletterer und Bergphotographen Heinz Zak geschart haben. Es entwickelt sich noch ein nettes Gespräch aus dessen Verlauf ich noch eine Einladung auf einem Kaffee in Scharnitz mitnehmen kann.

Landmannalei­
Um 8:30 Uhr begebe ich mich dann endlich auf die Piste. Wie das Wetter so will sind auch schon die ersten Wolken da und Wind kommt auf. Bald lasse ich die Hemdärmel wieder runter und nach einer Stunde brauche ich auch wieder die Jacke. Neben der Piste die Warten des alten Reitweges. Kurz vor der über Doppelfurt von Helliskvísl und Rau­fossarkvísl verlasse ich die Piste und folge dem Reitweg auf der rechten Flußseite. Genau an der Grenze des Fjallabak Natuschutzgebietes wechselt nun auch der Reitweg zur anderen Seite des Helliskvísl. Die Furt ist gut knietief. Gerade als ich meine Schuhe wieder anziehe kommt der "Pistenhobel", ein wahres Ungetüm von Baumaschine, vorbei. Dann zügig weiter auf der frisch abgezogenen Piste durch die Svalaskar­ und zu dem jungen Lavafeld Lambafitjarhraun. Der Himmel ist nun ganz bedeckt und ich habe wenig Hoffnung trocken über den Tag zu kommen. Am Helliskvísl vor dem Lambafitjarhraun wäre die letzte Stelle gewesen sicher Wasser zu bekommen. Mittagspause auf einem Lavabrocken nahe der Piste. Sehr wenig Verkehr, nur ein Bus heute - überhaupt habe ich noch keinen Radler gesichtet - wo sind die denn alle?

Am Búrfell, weit voraus im Westen und vor der Hekla im Süden sind erste Regenschauer zu erkennen. Die Hekla versteckt sich halb in Wolken, wie sie das üblicherweise tut. Luftlinie ist der Gipfel nur 10 Kilometer entfernt. Der Berg scheint mir viel näher zu sein. Am Abzweig einer einsamen Piste steht ein noch einsamerer Wegweiser "Hekla" in der schwarzen Asche. Nach den Felsen der Bericht 2002
wird es interessant. In der Karte ist an ihrerer Nordwestseite in einem Tal ein Bach eingezeichnet. Allerdings scheint er dann in der einer weiten Talebene zu versickern. Ich werde mir diese Stelle ansehen und, wenn es dort Wasser gibt, mein Zelt dort aufschlagen. An Westende der Valahnúkar verlasse ich die Piste nach Norden und steige über einen sandigen Rücken um Einblick in das anvisierte Tal zu haben. Kann dann aber in der Schlucht kein fließendes Wasser erkennen. Wird wohl nur im Frühsommer Schmelzwasser führen, solange es oben am Berg noch Schneeflecken gibt. Auf der anderen Seite des etwa 2 Kilometer breiten Tales liegt der Höhenzug Aldan. Direkt dahinter muß die Hütte Áfangagil liegen. Die Áfangagil ist eine bekannte Oase in dem sonst trockenen Bereich um die Hekla. Dort werde ich sicher Wasser finden. Ich spüre zwar schon schön langsam meine Fußsohlen, aber sonst fühle ich mich noch fit. Mit GPS und Kompass peile ich die Stelle an, an der ich den Höhenzug queren muß. Der ebene Talboden besteht aus schwarzer, knirschender Vulkanasche. Der Wind treibt von Süden her dunkle Staubfahnen in das Tal. Vor dem Anstieg zur Aldan noch mal Kurskontrolle. Dann in der weichen Asche im Zickzack den Hang hinauf. Im oberen Drittel erleichtert etwas festeres Geröll den Anstieg. Meine Koordinaten waren richtig. Direkt hinter dem Höhenzug, wenn auch hundert Höhenmeter tiefer, entdecke ich die 3 Giebel der im traditionellen Stil gebauten Hütte.

Áfangagil
Wenig später ergänzt mein Zelt die Reihe der Giebel. Es ist früher Nachmittag und ich koche mir eine Tütensuppe und schlafe dann zwei Stündchen bis mich seltsame und ganz nahe Geräusche wecken. Schafe natürlich! Vor dem Zelt, keinen halben Meter von meinem Ohr entfernt, rupft eine Schaffamilie Gras. Das muß man erst mit dem Ohr am Boden gehört haben um es zu glauben! Übrigens: Schafe halten einen dämlich aus der Lüftungsöffnung eines Zeltes blickende Menschen nicht für einen solchen und nähern sich diesem seltsamen Tier bis auf Schnuppernähe. Um wieder wach zu werden inspiziere ich die Hütte. Sie wurde 1993 renoviert und die Innenräume mit Holz verkleidet. Wie es so aussieht sind immer noch kleine Bauarbeiten im Gange. In zwei Räumen gibt es ca. 25 Schlafplätz, eine Küche mit zwei Gaskochstellen und einer Spüle. Im Hauptraum steht ein Heizofen. Toiletten und Waschgelegenheiten befinden sich in einem Extrahäuschen. Aus dem Gästebuch geht nicht hervor, wer diese Hütte betreibt. Sie scheint überwiegend von Reitergruppen besucht zu werden. Im Gästebuch viel Isi-Pferdi-Lyrik.

Von einem kleinen Hügel aus peile ich die Lage. Durch meine Planänderung bin ich weiter nach Westen und nach Norden vorangekommen als vorgesehen. Ursprünglich wollte ich die Ůjórsá über den Staudamm am Búrfell überqueren, aber ich konnte nicht herausfinden ob dies überhaupt möglich (bzw. erlaubt) ist. Von hier aus ist es mit 7 km bis zum sicheren Übergang an der Ůjórsábrücke genauso weit. Also werde ich morgen diesen Weg wählen. Das macht dann 14 km entweder bis Stöng oder bis zur Fossá. Nein, ich werde mir den Tag für Stöng gönnen.

Werde am Abend noch noch zwei sich nähernden Fahrzeugen gestört. Wühle mich wieder aus dem Schlafsack. Wie es sich herausstellt, ist es der Besitzer der Hütte. Er bestätig mir, daß die Hütte für jedermann zugänglich ist. Habe vergessen ihn zu fragen was die Übernachtung kostet. Eine Kasse hatte ich nirgendwo gesehen. Individualtouristen kommen hier wohl nur selten vorbei. Ein halbe Stunde später bin ich wieder alleine.


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