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20. Tag, Setur - Ólafsfell

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Copyright © Dieter Graser

Freitag, 27. Juli 2001


Ruhige Nacht. Morgens geschlossene Bewölkung, aber kein Niederschlag. Mir soll's recht sein, dann ist weniger Schmelzwasser in den Flüssen. Frühstück, Eintrag ins Gästebuch, Übernachtung bezahlt (1000 Kr. - davon 200 als Trinkgeld, da die Kasse nicht rausgeben konnte). Aufbruch um 7:30 Uhr. Vor mir liegt nun die Žjórsárver, der schwierigste Abschnitt der Tour. In vier Tagen will ich das Naturschutzgebiet südöstlich des Hofsjökull durchqueren. Ich werde mich nahe dem Eisrand halten und somit die großen Feuchtgebiete an der Žjórsá meiden. Das große Problem sind die Furten der Gletscherflüsse. Die Tagesetappen sind extra kurz gewählt und ich will nur am Vormittag gehen um möglichst niedere Wasserstände zu haben. Welche Verhältnisse werde ich vorfinden?

Auf dem Rücken nördlich der Hütte verschaffe ich mir noch einen Überblick und peile mit dem Kompass den Höhenzug Nautalda an. Über feinen Gesteinsschutt Abstieg zu der weiten Ebene der Blautukvíslareyrar. Gut 7 Kilometer geht es nun über eine vollkommen flache Sanderebene. Am Anfang eine erste breite, aber ziemlich flache Furt - kein Problem. Dann über Kies und teilweise über Moospolster weiter nach Osten. Viele Arktische Weideröschen auf den Inseln zwischen den trockenen Spülrinnen. Treffe auf eine einzelne, relativ frische Fußspur in Gegenrichtung - das kann nur Sebastain gewesen sein! Linker Hand die schmutzige Front des Blautukvíslarjökulls. Der Gletscher läuft flach aus, nur weiter oben sind ein paar Spalten zu sehen. Am Ostrand der Sanderfläche eine weitere Reihe von Furten - gut knietief aber unproblematisch. Weiter über eine flache, mit Kies bedeckte Erhöhung und durch sumpfiges Gelände zum Südende der Nautalda Zwischendurch bin ich wieder auf Sebastians Fußspuren gestoßen. Umrunde den Höhenzug bis zur alten Hütte (kofi).

Die Hütte wurde ursprünglich von der isländischen Energiebehörde Orkustofn errichtet und diente als Stützpunkt für Forschungsarbeiten in der Žjórsárver. Unterhalb der Hütte entspringt eine starke Quelle mit klarem Wasser. Die Holzhütte ist stark verwittert, die Außentür steht sperrangelweit offen und hat sich mit einem losen Brett verkeilt. Habe Bedenken durch die morschen Bretter der kleinen "Veranda" einzubrechen. Drinnen sieht es noch einigermaßen gut aus. Im kleinen Vorraum ein Vorrat an Nägeln verschiedenester Größe, etwas Gerümpel und eine Radkappe. Im Hauptraum 4 eiserne Gestelle für Stockbetten aber keine Matratzen. An der Wand hängen ein paar großmaßstäbige Landkarten der Gegend. Auf einem der Stockbetten liegen einige aus einem Notizbuch herausgerissene Seiten und ein Kugelschreiber - das Gästebuch als lose Blattsammlung. Trage mich auf dem vermutlichst neuesten Blatt ein. Einen Eintrag von Sebastian habe ich nicht gefunden. Die meisten Besucher kommen im Winter hierher, wenn man mit den Jeeps über den Schnee fahren kann und die Flüsse gefroren sind. Anschließend repariere ich mit einem Nagel und einem Stein als Hammer die Außentüre, zumindest soweit, daß sie sich wieder schließen läßt.

Mittagspause. Erkunde ohne Gepäck den Weg zu den warmen Quellen, die etwa einen Kilometer weiter östlich in der Ebene liegen sollen. Nach etwa 700 Metern komme ich an eine breite Furt und verschiebe mein Vorhaben, da ich meine Sandalen nicht mitgenommen habe. Zurück an der Hütte tanke ich noch 1,5 l klares Trinkwasser auf - man weiß ja nie. Mit Gepäck zurück zur Furt. Sie erweist sich nicht nur als breit sondern auch als tief. Das war also der Miklakvísl und der westliche Abfluß des Nauthagajökulls in einem Aufwasch. Danach in den Watsandalen flach und sehr sumpfig weiter zu den Zaunresten, welche die Thermalquellen markieren. Sieht aus wie ein Torfstich. Sebastian schrieb dazu: "lauwarm" - ich finde die Temperatur akzeptabel, aber die Moorbrühe ist wenig einladend. Gute Gelegenheit wenigsten meine schlammigen Füße zu waschen und wieder in die Bergschuhe zu wechslen. Nehme Kompasskurs auf die Heißen Quellen am Ólafsfell. Treffe bald wieder auf den westliche Nauthagakvísl und entdecke jenseits der Flußes einige Dampfaustritte. Sollte die Quelle dort drüben sein, dann trifft zwar ihre Bezeichnung "am Ólafsfell" zu, aber meine GPS-Koordinaten stimmen dann nicht. Noch dazu ist der Fluß hier so wild, daß er nicht zu furten wäre. Das GPS führt mich direkt in die Moränen und das Gletschervorfeld. Wenige hundert Meter vor der Gletscherstirn sehe ich auf einem Moränenhügel eine kleine Steinwarte. Ein paar Dampfschwaden steigen hinter dem Hügel auf - Bingo! Noch ein kleiner Bach mit Trittsteinen beschummelt und da ist sie - die gesuchte Quelle.

Ólafsfell
Irgendwer hat aus großen Steinen ein Becken an den Rand des Hügels geschichtet und dieses mit Sandsäcken abgedichtet. Ein wenig abseits find ich eine flache, mit ein wenig Moos bewachsene Stelle für das Zelt. Die Heringe muß ich mit Steinen beschweren, daß sie im lockeren Grus halten. Werde gerade rechtzeitig vor einsetzendem Regen fertig. Mutig, nur mit Handtuch und Sandalen auf zum Bad. Sebastian schrieb: "... zu heiß". Diesmal muß ich ihm Recht geben. Ich schaffe es gerade mal bis zu den Waden, dann muß ich fluchtartig das Wasser verlassen, denn ich fürchte mich zu verbrühen! Wenigstens kann ich mich, am Beckenrand hockend, gründlich waschen und bin damit für das Erste zufrieden. Ich vermindere noch durch das Umschichten von zwei Steinen den Heißwasserzufluß ins Becken. Zurück ins Zelt, abtrocknen, ab in den Schlafsack, eine Tasse Tee, etwas Schokolade geknabbert und ein Nickerchen gemacht. Um 17:00 Uhr weckt mich der Regen, der auf das Zelt trommelt. Beginne "Huhn mit Curryreis" zu kochen. Nach dem Abendessen Aufzeichnungen und Kartenstudium. Es regnet noch immer. Schade, hätte gern ein wenig die Gegend erkundet. Liege im Schlafsack und versuche einzuschlafen, was mir seltsamerweise nicht gelingen will. Schließlich fällt mir auf, daß der Regen nachgelassen hat. Es ist 22:00 Uhr. Wenn ich schon nicht schlafen kann, dann mache ich eben einen Spaziergang. Will zum Gletscherrand und stelle erstaunt fest, daß ich nur etwas 150 m weit gehen muß. Wieder Mal zeigt sich, wie schwierig das Schätzen von Entfernungen ist. Auf dem Rückweg finde noch mehrere kleine bis kleinste heiße Quellen. Mit der Hand teste ich noch einmal die Temeratur des "Hot-Pots". Hey! Jetzt, sechs Stunden nach derm "Abdrehen" des Heißwassers ist sie ideal. Schnell zum Zelt, ausgezogen und zurück zur Wanne geflitzt. Ahh - ein Abendbad - ist das herrlich! Bis gegen 23:00 Uhr aale ich mich in der Lauge und schau mir den Gletscher vor meiner Nase an. Im Norden kann ich seinen Bruder, den Múlajökull studieren. Versuche noch ein paar Photos, aber der Selbstauslöser wird immer langsamer, hat unkontrollierte Aussetzer und überlegt sich minutenlang, ob er wieder weiterticken soll.


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