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13. Tag, Leynidalur - Svarthöfği

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Copyright © Dieter Graser

Mittwoch, 28. Juli 1999


Bin schon um 5:30 Uhr auf. Bis auf ein paar Cirren ist der Himmel wieder klar und es ist fast windstill. Gefrühstückt, zusammengepackt und zur Furt. An meiner Markierung kann ich ablesen, daß der Wasserstand seit gestern nur um etwa 5 cm gefallen ist. Das ist nicht viel, aber ich bin um jeden Zentimeter dankbar. Dieses Abflußverhalten bestätigt meine Vermutung, daß der Hvítalón die Schwankungen im Abflußtagesgang dämpft und ausgleicht. Dabei wäre mir natürlich ein ausgeprägtes morgendliches Minimum lieber. Ich habe alles extra gesichert. Auch der Photo ist noch zusätzlich wasserdicht verpackt. Flußabwärts zu furten ist nicht möglich, dazu ist die Strömung zu stark. Nur halb gegen die Strömung gewandt, finden die Füße gerade noch genügend Halt. Der Fluß ist breit und im wahrsten Sinne des Wortes "eiskalt". Ab der Hälfte beginne ich die Beine die Kälte zu spüren - also zügig weiter und durch. Am anderen Ufer angekommen möchte ich aufjaulen, so schmerzen nun Beine und Füße, aber ich weiß, es wird gleich wieder nachlassen und in wenigen Minuten sind die Schmerzen verschwunden.

Köldukvíslarjökull

Das war also die erste Furt für heute. Ich tausche Sandalen gegen Bergschuhe und mache mich auf den Weg. Nach ein paar hundert Meter stoße ich wieder auf die alte Fahrspur und folge ihr durch die nördlichen Ausläufer der Mókollar hinunter auf die weite Sanderebene, welche vor dem weitgeschwungen Moränenrand des Köldukvíslajökull liegt. Dort darf ich erst einmal ein vergleichsweis harmloses Bacherl furten (Wegpunkt Sveğja Vağ). Endlich geht es mal wieder flach dahin und ich kann versuchen Kilometer zu machen um zügig nach Norden voranzukommen. Mittlerweile sind die morgendlichen Cirren verschwunden und der Himmel ist wolkenlos. Die Sonne brennt nun ungehindert herunter. Ich habe wirklich nichts gegen warme Tage, schon gar nicht in Island, aber wenn ich einen ganzen Tag lang eine Gletscherfront ablaufen darf, dann ist mir ein kühles und strahlungsarmes Wetter am liebsten. Die nächste Furt am Sandkvísl ist zwar nicht besonders breit aber gerade so tief, daß ich nach dem Furten aussehe, als hätte ich in die Hosen gepinkelt. Zwei weitere, kleinere Gletscherbäche kosten nur Zeit und Kraft, sind aber sonst unproblematisch. Der Gletscher selbst ist hinter dem mächtigen Moränenwall verborgen und nur an den Bachdurchbrüchen kann man sich vergewissern, daß man nur wenige hundert Meter vom Eis entfernt ist.

Hágöngur

Die Fahrspur ist nun gut zu verfolgen, seitdem die frischen Spuren von zwei Fahrzeugen aus Westen kommend, sich in sie eingeklinkt haben. In den Hügeln der Köldukvíslarbotnar beginnt ein ermüdendes Auf und Ab. Es ist Mittag und zu dieser Gelegenheit steige ich noch auf eine felsige Kuppe, der höchste Erhebung im weiteren Umkreis, die mir dann auch einen phantastischen Rundblick gewährt. Im Norden die breite Eintiefung der Vonarskarğ. Dann nach Osten der Anstieg zur Eiskuppel der Báğarbunga, die in die weiten, flachen Gletscherhänge des Köldukvíslarjökulls übergeht. Im Südosten die hellbraunen Kuppen der Mókollar und der eisige Kamm des Hamarinn. Im Süden dann der markante, vom Eis umgebene, steile Gipfel des Kerlingar. Ganz in der Ferne, am Horizont eben noch auszumachen, der Mırdalsjökull und die Hekla. Im Südwesten die einsamen Kuppeln der Hágöngur und davor der weite Stausee Hágöngulón. Im Westen, wenn auch teilweise verdeckt, der Hofsjökull. Dann die dunklen Berge bis zum Tungnafell. Einer dieser Berge, der Skrauti, sticht durch seine leuchtend ockerfarbenen Flanken hervor, als wäre er von einer anderen Welt. Auf jeder Tour gibt es einen Moment und einen Ort in dem sich unvorhergesehen alles konzentriert. Genau jetzt an diesem Ort zu sein, auf diesem Hügel, ist allein schon die ganze Anreise und den ganzen zurückgelegten Weg wert. Nach knapp einer Stunde Pause und Schauen mache ich mich wieder auf den Weg.

Rast

Es geht wieder flach über eine weite Kiesebene. Die alte Fahrspur, nur noch als zwei flache, parallellaufende Vertiefunungen erkennbar, führt weiter nach Norden, aber die frische Fahrspur, der ich nun folge, wendet sich mehr und mehr nach Osten auf den Gletscherrand zu. In einer Bresche der Randmoräne, nur etwa 100 m von Eisrand entfernt, ist wieder ein größerer Bach zu furten. Das Waser ist gut oberschenkeltief. Als würde ich es nicht allein an der Wassertemperatur spüren schwimmt, wie zur Erinnerung, ein vollkommen durchsichtiger Eisbrocken an mir vorbei - erst hielt ich ihn für eine Plastiktüte! Hinter der Furt geht die Fahrspur der beiden Fahrzeuge zielstrebig zum Eisrand. Aber ich will nun wirklich nicht auf den Gletscher! Meine Wegpunktkoordinaten liegen sowieso weiter westlich. Das hat man nun davon, wenn man einer Spur folgt. Diese 2 Fahrzeuge hatten offensichtlich ein anderes Ziel und sind auf den Gletscher gefahren.

Also peile ich den Berg Svarthöfği an und halte auf ihn zu. Etwas mühsam und steil muß ich auf ein etwas höheres Plateau steigen das von tief eingeschnittenen Bächen durchzogen wird. Immer wieder zwingen diese mich zu Umwegen und zum Abweichen von meinem Kurs. Ehe ich mich versehe bin ich wieder nahe dem Rand des Gletschers, von dem ein frischer und durchdringender Wind herunter weht. Es sind noch einmal 4 - 5 dieser Bäche zu furten und mit der Zeit habe den Überblick verloren wieviel Mal ich heute schon der Bergschuhe gegen die Furtsandalen getauscht habe um einen Gletscherbach zu durchwaten. Jetzt, am späten Nachmittag, sind die Bäche durch das Schmelzwasser stark angeschwollen und dunkelbraun. Endlich der Blick hinunter in das breite, flache Tal des Kaldakvísl, den nördlichsten Zufluß aller Gewässer, die sich in dieser Gegend hier unter diesem Namen sammeln. Schon der Blick aus der Entfernung bestärkt meine Vermutung, daß nach einem solchen Strahlungstag der Kaldakvísl nicht zu queren sein wird. Das ist nun wirklich keine Überraschung. Andererseits entspringen in der weiten Talmulde, direkt auf meinem Weg, einige kleine Bächlein mit klarem Wasser und leuchtend grünen Moosrändern!

Nahe dem Fluß, direkt gegenüber dem Berg Svarthöfği, finde ich ein geschütztes Plätzchen mit moosigem und trockenen Untergrund. Seit den dürren Halmen bei den Hütten von Jökulheimar vor 3 Tagen die erste Vegetation! Es ist jetzt 17:00 Uhr, da braucht es keine weiteren Argumente mehr um das Tagwerk für beendet zu erklären. Also das Zelt aufgebaut und den Schlafsack zum ersten Mal seit einer Woche wieder ausgelüftet. Die Sonne knallt auf das Zelt und es ist richtig warm. Die reinste Idylle! Gekocht und dann wie jeden Abend an den Aufzeichnungen. Es ist nun 21:00 Uhr und die Sonne ist hinter dem Svarthöfği verschwunden. Ich schaue mir auf der Karte meinen morgigen Weg an. Es sind 18 weglose Kilometer bis Nıidalur, der Kaldakvísl gleich zu Beginn und dann gut 200 m Aufstieg und und weiter in alpinem Gelände. Eigentlich müßte ich es morgen bis Nıidalur gut schaffen. Falls dieser an der "üblichen" Furt (Wegpunkt)nicht zu queren ist muß ich eben in eine weiten Bogen nach Nordosten ausholen und mir seine Zuflüsse einzeln vorknöpfen. Dann wäre es aber bis nach Nıidalur zu weit und ich könnte eventuell im Snappadalur bleiben und mich dort genauer umsehen. Gut, daß ich meinen Reservetag habe. Ein letzter Blick aus dem Zelt bevor ich mich tief in den Schlafsack zurückziehe: immer noch wolkenloser Himmel, keine Wetteränderung feststellbar.


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14. Tag Svarthöfği - Nıidalur