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19. Tag, Kerlingarfjöll - Setur

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Copyright © Dieter Graser

Donnerstag, 26. Juli 2001

Morgens, gegen 5:00 Uhr, wie gestern überigens auch, Schafskonzert! Die ganze Wiese des Zeltplatzes ist voller Schafe und diese blöken sich im Wechselgesang irgendwas wichtiges zu. Wo kommen die Viecher eigentlich alle her? Kaum kehrt etwas Ruhe ein meldet sich mein Wecker und ich will ihn schon ingorieren. Schnell mach ich mir klar, daß heute einer der "größeren" Tage ansteht, also keine Tag für Trödeleien! Zum Frühstück ein paar Tropfen vom Himmel oder woher auch immer. Trotzdem sieht das Wetter vielversprechend aus.

Snękollur
Um 8:00 Uhr geht es wieder los. Mich noch bei meinen neuen Bekannten verabschiedet, einen Gruß an Sebastian aufgegeben und auf die Piste nach Setur eingeschwenkt. Gut markiert und wohl öfter befahren gibt es keine Orientierungsprobleme. Bin die Strecke ja auch schon in Gegenrichtung gegangen und die GPS-Wegpunkte sind auch so dicht gesetzt, daß ich die "reale" Wegstrecke ablesen kann. Das Wetter entwickelt sich am Vormittag großartig. 1-2/8 Cummulus hängen bei leichtem Südwind am tiefblauen Himmel. Ihre Basis ist ziemlich hoch aber sie entwickeln sich kräftig und ich rechne für den Nachmittag mit Schauern. Doch jetzt ist es die reine Freude und ich habe einen Paradeblick auf die Kerlingarfjöll. Erinnerung an die längste Tagesetappe meiner Islandtouren: 32 km vom Fjóršungssandur zur Kerlingarfjöll Hütte - nie wieder! Die letzten 2 Stunden waren nur noch Leiden und Auf-dem-Zahnfleisch-daherkommen. Die 21 km zur Hütte Setur werden mir heute vollkommen genug sein.

Lošmundur
In der weiten Ebene unter dem Lošmundur suche ich noch, wie versprochen, einen schönen Obsidian für meinen Arbeitskollegen, der mich 6 Wochen vertreten "darf". Über diverse Bäche kann ich mich hinüberschwindeln, obwohl man mit einem 30Kg-Rucksack keine großen Sprünge macht. Nach dem letzten Bach folgt ein schöner, langer - ziemlich langer - Anstieg über einen breiten Rücken nach Osten.

Rast
Am höchsten Punkt (P 885) mache ich Mittagspause. Sitze auf einem großen Basaltblock und genieße den Rundblick. Versuche einige Photos zu machen. Der Selbstauslöser bleibt immer wieder stehen und surrt dann nach ein paar Minuten Bedenkzeit doch noch weiter. Bald wird er wohl ganz den Geist aufgeben. Nach der Pause ein kurzer Abstieg zum Illahraun. Die Scharte auf der Paßhöhe bildet den Übergang in das Einzugsgebiet der Žjórsá und damit in das Sprengisandurgebiet. Es ist Halbzeit! Bergfest! 300 Kilometer und 19 Tage seit meinem Aufbruch vom Leuchturm Reykjanesviti! Der Himmel östlich der Kerlingarfjöll ist stärker bewölkt und im Süden sind Regenschleier erkennbar.

Fjóršungssandur
Ein langer, flacher Abstieg beginnt. Damals, im Juli 1995, bin ich hier kilometerweit über Schneefelder vom Fjóršungssandur heraufgestapft. In diesem Jahr liegt hier kein Fetzchen Schnee. Gegen 16:00 Uhr, mit einsetzendem Regen komme ich an der Hütte Setur an. Ein Jeep, (das erste Auto, das ich heute sehe) mit 2 Isländern will gerade abfahren. Kurze Unterhaltung. Die beiden wollten ursprünglich bei Tjarnarver von der Žjórsá aus zum Arnarfell, aber da war mit dem Jeep kein Durchkommen.

Die Hütte Setur des "Allradklubs 4x4" macht einen stabilen und fest gebauten Eindruck. Wie nicht anders zu erwarten ein Riesenparkplatz. Etwas abseits ein Container auf den noch ein Treibstofftank aufgesetzt ist. Ein Waschhaus mit Toiletten und Dusche. Das alles funktioniert aber nur, wenn das Stromaggregat angeworfen wird. Offensichtlich wird das Wasser mit einer elektrischen Pumpe aus einem Brunnen hochgepumpt. Alles sehr technisch und vom Feinsten. Die Hütte hat einen großzügig bemessenen Vorraum zum Abstellen der Schuhe und Trocknen der nassen Kleidung. Vom Vorraum aus gelangt man in einen großen, hellen Raum in dem gut 20 Leute an den Tischen Platz finden könnten. Es ist kalt und der Raum hat den Charme einer Bahnhofsgaststätte aus den Siebzigern. Der gemütlichere Raum mit der Küche ist abgeschlossen und nicht zugänglich.

Hütte Setur
Mache mich auf die Suche nach Wasser. Westlich der Hütte habe ich in einer Hangmulde einen letzten Altschneefleck gesehen. In dem dünnen Rinnsal direkt unterhalb des Schneeflecks kann ich mit Mühe 3 Liter sandiges, aber wenigstens einigermaßen klares Wasser gewinnen. Zum Kochen wird es reichen. Gehe noch auf den Hohenrücken nördlich der Hütte und blicke in die weite Ebene der Žjórsárver hinab. Auf dem Rückweg zur Hütte fängt es wieder an zu regnen. Nach dem Essen bekomme ich überraschend Besuch von einem Isländer. Er schaut nur mal eben in der Hütte vorbei und will dann am Abend noch Richtung Süden weiterfahren. Wir unterhalten uns länger über die Staudammprojekte im Sprengisandurgebiet und der Žjórsárver. Bald bin ich wieder allein. An der kaputten Dachrinne sammle ich noch etwas Regenwasser, das aber abscheulich nach Blechdach schmeckt. Es schifft sich richtig ein und sieht nicht so aus, als ob es so schnell damit aufhören würde. Erledige noch die Aufzeichnungen und ziehe mich gegen 20:30 Uhr im Lager unter dem Dach in meinen Schlafsack zurück.


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