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23. Tag, Arnarfell - Hámırar

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Copyright © Dieter Graser

Montag, 30. Juli 2001


Der Wecker war auf 5:00 Uhr gestellt. Der Himmel ist bedeckt und es ist windstill. Um den Gipfel des Arnarfell hängen ein paar Wolkenfetzen. Aufbruch genau um 7:00 Uhr.

Nach gut einer halben Stunde die ersten Furten. Mehrere Arme des Gletscherbaches, der nordöstlich des Arnarfells entspringt, müssen gequert werden. Kein Problem zu dieser Tageszeit. Das Wasser ist nur wadentief. Wie die Hochwassermarken anzeigen, kann es nachmittags 10 - 20 cm mehr sein. Aber die Hauptprüfung kommt erst noch. Der westlichste der Şjórsárkvísl wird, wie vom Gipfel des Arnarfells aus gut zu erkennen war, von mehrereren Gletscherrandseen gespeist. Das wirkt in einem gewissen Maß abflußausgleichend. Dabei wäre mir mir ein schönes ausgeprägtes morgendliches Minimum am liebsten gewesen. Vor zwei Jahren hat mir dieser Fluß gleich derartig den Schneid abgekauft, daß ich meinen Plan, von Osten her die Şjórsárver zu durchqueren, aufgab und nach Nıidalur zurückkehrte. Letztes Jahr brach ich das Vorhaben an den Kerlingarfjöll ab, nachdem ich gesehen hatte wieviel Asche vom Heklaausbruch im Winter auf dem Eis des Hofsjökull lag. Ich befürchtete daher ein besonders starkes Schmelzwasseraufkommen.

Şjórsárver
Nun war ich etwa an der Stelle, an der Sebastian vor zwei Wochen die Furt im zweiten Anlauf geschafft hat. Ich bin etwa einen Kilometer flußab der Stelle meines ersten Debakels. Ich suche mir die breiteste Stelle des Flußes und kann 3 Stromstriche erkennen. Alles routinemäßig vorbereitet und dann hinein. Zur Begrüßung gleich mal oberschenkeltief, dann wird es etwas flacher. Nach gut der Hälfte wird es immer tiefer, die Stärke der Strömung nimmt immer mehr zu und die Stöcke fangen an zu vibrieren. Langsam finde ich durch den Strömungsdruck keinen Halt mehr am Grund - zurück! Das war wohl noch nichts.

Zurück am Ufer gehe ich weiter stromab und langsam kommt wieder Gefühl in meine tauben Beine. Der Fluß beginnt sich in viel kleinere Arme, die durch halbüberspülte Kiesinseln und Sandbänke (...ich hasse Sandbänke!) getrennt sind, aufzufächern. Mehr mit als quer zum Fluß arbeite ich mich von einer Insel oder Untiefe zur nächsten vor. Während der nächsten 20 Minuten kommen die Füße kaum aus dem "eiskalten" Wasser. Wieder und wieder muß ein neuer Arm gefurtet werden. Zum Abschluß noch ein breite und tiefe Rinne, bei der mir das Wasser bis zum Anschlag (130 cm) reicht. Die Strömung ist stark und reißt am Grund größere Steine mit. Noch ein letzter tiefer, aber ruhiger Seitenarm und ich lasse einen Schrei heraus in dem sich Freude, Erleichterung und Schmerz mischen. Ich tapse ziemlich unsicher auf den festen Grund, denn ich spüre meine Beine nicht mehr. Fast eine halbe Stunde lang war ich ich im eisigen Wasser. Ich befreie mich von meinem Rucksack und beginne auf einem großen Stein sitzend meine schmerzenden Füße zu massieren. Der Nagel des rechten großen Zehs ist blau angelaufen. Nein, nicht von der Kälte, da muß mir ein Stein mit der Strömung draufgerollt sein - ich hab nichts gespürt. Die Füße waren ja "örtlich betäubt".

Sobald die Füße trocken sind rein in Socken und Bergschuhe und dann warmlaufen. Langsam kehrt mit der Wärme auch das Geühl wieder zurück. Der lädierte Zeh pocht nur leicht - es ist weniger schlimm als erwartet. Durch das Furten bin ich soweit südlich gekommen, daß ich direkt auf den Wegpunkt HEAD (hæğ = Höhe) zuhalten kann. Eigentlich habe ich erwartet daß noch eine zweite richtige Furt kommen sollte (Wegpunkt VAD) aber diesen Fluß habe ich vorhin wohl gleich mit erledigt. Die beiden Flüsse müßen sich oberhalb oder bei meiner Furt vereinigt haben. Den Karten ist hier kaum zu trauen und schon gar nicht dem eigezeichneten Gewässernetz. Zum Schluß noch durch einem Bach mit klarem Wasser, daß mir richtig warm vorkommt. Dann über die mir schon vertrauten zwei Höhenzüge zum Staudamm an der Şjórsá.

Am Hámırarkvísl
Auf der neuen Piste gehe ich noch die gut 2 Kilometer bis zu "meinem" Bach und Zeltplatz am Hámırarkvísl. Ich fühle mich hier wie zuhause - schön wieder hier zu sein. Dieser kleine Bach hat es mir angetan. Weitergehen hat heute keinen Sinn mehr. Zwischen meiner Oase und Nıidalur liegen 19 Kilometer wasserlose Steinwüste, die ich mir für Morgen aufhebe. Um 13:00 Uhr steht mein Zelt, ich koche mir eine Tütensuppe und gönne mir ein Mittagsschläfchen. Am Nachmittag schönste Sonne bei leichtem Nordwestwind. Spaziere ein wenig bachauf, bachab und mache einige Photos. Am späten Nachmittag kommt ein Landrover mit einer Gruppe Schweizer an die Bachfurt. Sie winken mir zu und ich gebe Ihnen ein Zeichen zu warten. Im Gespräch muß ich erst einmal ihre Befürchtungen zersteuen, daß ich mitgenommen werden will. Ich gebe ihnen die Nachricht "alles OK" an Jóhan den Hüttenwart von Nıidalur mit. Zum Abendessen Chilli con Carne und eine Doppelportion "Mousse au Chocolat" vertilgt - oh, ich hoffe mir wird nicht schlecht. Aufzeichnungen.


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